In der Massentierhaltung ist der Einsatz von Antibiotika üblich ©Reuters/John Gress

Es gibt Dinge in der Landwirtschaft, die mag Rupert Ebner. Seine Murnau-Werdenfelser Bio-Rinder zum Beispiel. Oder seine 35 Hektar Moor-Renaturierungsfläche, die er beweidet. Ein Kalb zur Welt bringen oder "a’ ordentliche Diagnose stellen", auch das mag der Tierarzt Ebner, der auch ein wenig Landwirtschaft betreibt.

Man könnte den Ingolstädter Ebner als Träumer und Naivling bezeichnen, als Ewiggestrigen, der einem alten Bild von der Art und Weise nachhängt, wie wir in Deutschland Tiere mästen. Doch Ebner ist ein langjähriger Spitzenfunktionär mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Praxis. Der frühere Vizepräsident der Bayerischen Landestierärztekammer ist einer der wenigen, die offen über die Praktiken der eigenen Branche reden. Er sagt: "Tierarzneimittel werden wie Haarshampoos und Tönungsmittel für Frisöre vertrieben." Das große Geld mache der Tierarzt, der Antibiotika massenhaft an die Bauern verkaufe. "Das System ist einfach verwerflich."

Es ist erst wenige Tage her, als wieder ein kleiner Lebensmittelskandal Deutschland aufschreckte. In einer Stichprobe im Auftrag der Grünen waren in mehreren Wurstprodukten aus Supermärkten problematische Keime gefunden worden – besonders viele in Puten-Zwiebelmettwurst. In zehn von 63 Proben wurden sogenannte ESBL-Bakterien nachgewiesen. Diese Keime produzieren Enzyme, die sie gegen Antibiotika resistent machen. Kritiker warnen seit Langem, dass die massenhafte Medikamentengabe in Mastanlagen auch Auswirkungen auf Lebensmittel haben kann. 

Das System der Massentierhaltung lässt sich nach Einschätzung von Experten aber nur noch durch einen hohen Einsatz von Pharmaprodukten aufrechterhalten. Und dahinter steckt ein großes Problem: Durch das sogenannte Rabattsystem erhalten Tierärzte in Deutschland Antibiotika umso günstiger, je mehr sie abnehmen. Das schaffe falsche Anreize, monieren Kritiker. Anders als normale Mediziner haben Tierärzte in Deutschland nämlich das sogenannte Dispensierrecht. Sie können Medikamente nicht nur verordnen, sondern auch verkaufen. Arzt und Apotheker – in einer Person.  

In der Praxis sieht das laut Ebner so aus: Ein normaler Tierarzt kauft 30 Flaschen eines Antibiotikums. Der Großhändler oder der Pharmakonzern gibt ihm die Waren für neun statt zehn Euro pro Einheit. Der nächste Tierarzt kauft nicht 30, sondern gleich 1.000 Flaschen. Dafür bekommt er einen kräftigen Rabatt: Statt zehn Euro zahlt er vier. Für Kritiker setzt dieser Mechanismus den Tierarzt unter Druck, möglichst viel abzunehmen – und entsprechend viel an den Landwirt weiterzuverkaufen. "Das nimmt jede Freiheit in der Diagnose", sagt Ebner. Der Verband Praktizierender Tierärzte sieht hier eher "ein normales kaufmännisches Verhalten". Der Landwirt nehme nur ab, was er für notwendig halte, sagt Vizechef Rainer Schneichel. Dass Tierärzte Antibiotika pallettenweise auf Lager hätten, mache keinen Sinn: "Die sind ja nicht unbegrenzt haltbar."