Am Dienstag dieser Woche sitzt Jürgen Wolters in seinem Büro an der Freien Universität Berlin und versucht, seine Erinnerung mit der Wirklichkeit abzugleichen. Gerade hat er "Bernd Lucke" ins Suchfeld bei Google eingetippt, jetzt liest er die Schlagzeilen über den Mann, den er viele Jahre lang zu kennen glaubte: "Bernd Lucke beklagt massive Angriffe". "Bernd Lucke, der Mann für die Weltformel". Die Weltformel. Wolters schüttelt leicht den Kopf.

Wolters, 73 Jahre alt, Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität in Berlin, war in den neunziger Jahren Bernd Luckes Doktorvater, später betreute er seine Habilitation. Lucke kam mit Anfang 30 an seinen Lehrstuhl, danach war Wolters sein Mentor, lange bevor es Luckes Partei Alternative für Deutschland (AfD) gab. Neun Jahre haben sie damals zusammen gearbeitet, ihre Büros lagen nicht weit voneinander entfernt. Einmal im Jahr fuhren sie zusammen Fahrrad, manchmal luden die Luckes in ihr Haus am Stadtrand von Berlin. Undogmatisch sei Lucke damals gewesen, sagt Wolters, frei von jeder Doktrin, immer offen für neue Argumente.      

Und heute? "Tja", sagt Wolters und macht eine längere Pause. "Ich gebe zu, mich hat das alles schon überrascht."

Manchmal, wenn Lucke in einer Talkshow sitzt, schaut Wolters sie sich an. Er staunt, wie ruhig Lucke dort auftritt, wie unbeirrt er gegen den Euro wettert, trotz all der Kritik. Er wolle wirklich nicht über Luckes Arbeit als Politiker urteilen, sagt Wolters, schließlich sei Lucke "ein erwachsener Mann". Aber man merkt, dass er das nicht zusammen bekommt: den überzeugten Politiker Lucke und seinen Mitarbeiter von damals. Der schien ihm ein abwägender Mensch zu sein.     

Wenn Bernd Lucke, Gründer der Partei Alternative für Deutschland (AfD), an diesem Sonntag ins Europaparlament gewählt wird, hat er das auch einem Versprechen zu verdanken. Das Versprechen lautet, dass eine andere Politik möglich ist, eine, die sich nicht auf politische Willkür stützt, sondern auf ökonomische Expertise. Selbst wenn Lucke jetzt Politiker werden sollte, will er kein Politiker sein. Er will Fachmann und unabhängig bleiben, einer, der das Land nach den Erkenntnissen der Wissenschaft verändert. Wer aber war und ist der Ökonom Lucke?

Wer sich auf die Suche nach Luckes wissenschaftlicher Vergangenheit macht, trifft auf Menschen, die den Forscher Lucke in dem Politiker Lucke nicht wiedererkennen. Die befremdet sind davon, wie Lucke die Wissenschaft benutzt, um politische Positionen zu begründen, etwa die Forderung nach der Abschaffung des Euro. Manche weisen darauf hin, dass Lucke schon deshalb der falsche Ökonom sei, um der Politik den rechten Weg zu weisen, weil er zu wesentlichen Krisenfragen nie geforscht hat. Kaum einer aber will sich mit Namen zitieren lassen.      

Ein stiller Rechner

Als Lucke in den neunziger Jahren als junger Wissenschaftler anfing, hatte er sein Büro am Ende eines langen Flures in einem verfallenen Kaiserzeit-Gebäude im Berliner Stadtteil Dahlem. Es misst wenige Quadratmeter, aus dem Fenster schaut man auf Kirschbäume und das Flachdach eines Hörsaals. Hier sitzt Lucke sechs Jahre lang an seinem Schreibtisch und arbeitete an seiner Habilitation, die er 1997 veröffentlicht: Theorie und Empirie realer Konjunkturzyklen.     

Es ist ein Werk, so kompliziert und voller Zahlen, dass sich selbst die Plagiatsjäger von Wikiplag noch nicht dran getraut haben. Lucke widmet sich darin dem Feld der Ökonometrie. Es ist eine Fachrichtung der Volkswirtschaft, in der viel gerechnet wird. "Akribisch" und "effizient" hat er sich in die Methodik eingearbeitet, das bescheinigen ihm heute alle. Etwas vereinfacht gesprochen dreht sich Luckes Forschung darum, ökonomische Modelle mit realen Daten zu füttern, um zu berechnen, ob und wie gut sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Besonders oft beschäftigt sich Lucke mit Real-Business-Cycle-Modellen. Es sind Konjunkturmodelle, die die Wirklichkeit stark vereinfachen. Meist gibt es keine Zentralbanken darin, die Geldpolitik spielt keine Rolle, auch das Geld selbst nicht. Die Welt folgt in diesen Modellen strengen Wirkungsketten, und Lucke rechnet bis auf die Nachkommastelle aus, wie diese Gesetzmäßigkeiten aussehen.  

Das wird ihn prägen. Manche fragen sich schon damals, warum er sich mit so viel Akribie in die Berechnungen zu den Modellen stürzt. Nicht nur, weil solche Studien zumeist Zahlenfriedhöfe von gewaltiger Größe produzieren, wie ein Ökonom spottet. Sondern auch, weil sie vortäuschen, ökonomische Wirklichkeit ließe sich mit Statistiken und Modellen endgültig beschreiben. Das Verhalten auf Märkten folgt immer Regeln, es kommt nur darauf an, sie zu berechnen, das ist die Idee.