Lucke wird 1998 Professor in Hamburg und erarbeitet sich den Ruf eines soliden Ökonomen. Als Forscher aber bleibt er unauffällig, auf den Ranglisten der forschungsstärksten Ökonomen landet er eher im Mittelfeld. Einer, der Lucke kennt, sagt, ihm habe als Forscher oft ein Kompass gefehlt, ein Ziel. Tatsächlich fällt es bei der Lektüre seiner Arbeiten schwer zu erkennen, was ihm wichtig war.

Die großen Fortschritte im Denken machen eher andere. Als die Dot-Com-Blase in den USA platzt und die Anleger panikartig die Märkte in Bewegung setzen, beginnen immer mehr Ökonomen die klassischen Annahmen infrage zu stellen. Anders als in vielen Modellen angenommen, verhalten sich Menschen nur selten rational – diese Einsicht setzt sich zunehmend durch. Die Märkte werden stattdessen getrieben von zufälligem, eigensinnigem, oft eben sehr menschlichem Verhalten. Vieles davon kann man nicht so einfach in ein Modell stecken und ausrechnen. Lucke aber wendet noch Mitte der nuller Jahre seine Modelle hin und her und fragt sich, was die Wirtschaft unter Schock setzen könnte.

Dabei ist der große Schock ganz nah. In den USA bläht sich gerade die Blase am Häusermarkt auf. Die amerikanische Zentralbank Fed hat die Wirtschaft nach dem Dot-Com-Crash mit billigem Geld geflutet. Jetzt sucht es sich seine Wege. Zwei Faktoren – die Zentralbanken und das viele billige Geld – lassen eine neue Krise heraufziehen, beide tauchen in vielen von Luckes Modellen nicht auf. Als die Finanzkrise schließlich ausbricht, gerät nicht nur für kurze Zeit die Welt aus den Fugen, sie passt auch nicht mehr in Luckes Modelle.

Natürlich war er nicht allein. Auch andere Ökonomen haben die Krise nicht kommen sehen. Viele machen sich aber in den Krisenjahren daran, den Schaden zu reparieren. Sie frischen ihre Lehrbücher auf, stellen ihre Vorlesungen um, widmen sich in ihrer Forschung mehr dem Finanzsystem und den Wirkungen der Geldpolitik zu.   

Lucke gründet stattdessen 2007 unter dem Eindruck der Finanzkrise das Ökonomenforum, eigentlich als Diskussionsplattform über die Folgen der Krise, die er als "volkswirtschaftliche Ausnahmesituationen von herausragender nationaler Bedeutung" begreift. Jene, die damals dabei waren, erinnern sich jedoch daran, dass es für Lucke sehr bald darum ging, das Forum hinter seinen Positionen zu vereinen. Man habe den Eindruck gehabt, es ginge vor allem darum, 200 Wissenschaftler zur Unterschrift für eine Position zu bewegen, sagt einer, der am Anfang dabei war.                

Die Ökonomie als Mittel zum Zweck

Es ist die Zeit, in der aus dem Wissenschaftler Lucke der Politiker Lucke wird. Immer wieder meldet er sich mit politischen Positionen zu Wort. Die Rettung des Euros über den Krisenmechanismus ESM brandmarkt er als einen historischen Fehler und zieht in mehreren Aufrufen dagegen zu Felde. An der Universität Hamburg, wo Lucke noch immer lehrt, wird man langsam ungehalten – dort befürworten die meisten Ökonomen die Euro-Rettung. Als Lucke im Frühjahr 2013 die AfD gründet, drängt ihn die Uni zur Beurlaubung. Noch heute diskutiert man in Hamburg darüber, ob man Lucke nicht deutlicher widersprechen müsste. 

Immerhin tritt Lucke weiter als Professor der Universität auf. Er sagt Sätze wie: "Das ist der neueste Stand der Forschung." Oder: "Was theoretisch falsch ist, kann nicht praktisch richtig sein." Doch wer seine Forschung kennt, weiß, dass die Verbindung zwischen dem Ökonomen Lucke und dem Politiker nur eine lose ist. Lucke hat weder zu den geldpolitischen Problemen gearbeitet, die sich durch die Politik der Europäischen Zentralbank ergeben, noch kennt er sich besonders gut mit Währungsunionen aus. "Er ist weniger von seiner Forschung getrieben", sagt ein Ökonom. "Es geht hier um politische Werteinstellungen."

Niemand streitet ab, dass Lucke ein guter Ökonom ist. Doch, was viele ärgert, ist, dass er seine Weltanschauung als ökonomisches Gesetz verkauft. Der Slogan seiner Partei lautet: "Mut zur Wahrheit!" Lucke glaubt noch heute an Regeln, die das menschliche Verhalten bestimmen, wie in seinen Modellen. Diese Regeln, sagt Lucke, gelten in der Wirtschaft, in der Politik, überall. Wenn die Politik mit Regeln bricht und etwa den Krisenstaaten im Süden mit Krediten beispringt, dann gilt es das zu verhindern – weil es ein Bruch mit den Regeln ist. Wenn die Europäische Währungsunion ökonomisch auseinanderdriftet, dann ist das für Lucke kein Zeichen dafür, dass sich die Regeln ändern müssen. Dann will er den Euro lieber gleich ganz abschaffen. Lucke ist ein Mann des Prinzips.

Es gibt eine pragmatischere Sicht in der Ökonomie, eine, die weniger auf Prinzipien setzt, sondern darauf, was am Ende den größten Nutzen für alle spendet. Es gibt auch viele kluge, forschungsstarke Ökonomen, die vor einer Auflösung der Währungsunion zurückschrecken – schlicht, weil sie zugeben, dass sie die Folgen nicht einschätzen können. Luckes Doktorvater Wolters sagt es etwas grundsätzlicher: Es wäre natürlich schön, wenn sich die Welt stets mit den Gesetzen der Ökonomie erklären ließe." Er selbst glaube aber nicht daran. "Die eine wissenschaftliche Wahrheit gibt es bei uns Ökonomen nicht."

Lucke weiß das, aber er blendet es in seinen Reden aus. Er tut so, als gebe es eine ökonomische Wahrheit, die sich am Ende durchsetzen wird und verschweigt, um was es sich eigentlich handelt: um eine politische Idee davon, was richtiges und falsches Handeln ist. Der Ökonom Lucke ist in Wahrheit längst zu dem geworden, was er nicht sein will: zu einem Politiker mit ziemlich starren Vorstellungen.

Wer ihn am Sonntag wählt, sollte das wissen.