Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank Peter Praet © Eric Vidal/Reuters

Angesichts der niedrigen Inflationsraten in Europa denkt die Europäische Zentralbank (EZB) über immer radikalere Mittel der Geldpolitik nach. Nach Aussagen ihres Chefvolkswirts Peter Praet müssen die Banken wohl bald Strafgebühren bezahlen, wenn sie ihr Geld bei der Notenbank deponieren wollen. "Negative Einlagenzinsen sind ein möglicher Teil einer Kombination von Maßnahmen", sagte Praet im Gespräch mit der ZEIT.

Eine solche Zinssenkung sei Teil einer breiter angelegten Offensive zur Abwehr der deflationären Tendenzen. "Wir bereiten eine Reihe von Dingen vor. Wir könnten den Banken erneut für einen längeren Zeitraum Geld leihen, möglicherweise gegen Auflagen. Wir könnten die Zinsen noch einmal senken. Auch eine Kombination mehrerer geldpolitischer Instrumente ist denkbar", sagte der EZB-Chefvolkswirt. Der Leitzins liegt derzeit bereits auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent.

Praet ist in der EZB als Direktoriumsmitglied für die Vorbereitung der Zinsentscheidungen zuständig und damit einer der einflussreichsten Notenbanker in Europa. Die Inflationsrate im Euro-Raum betrug zuletzt nur noch 0,7 Prozent. Zielmarke der EZB ist ein Wert von nahe, aber unter zwei Prozent.

Vorbild Dänemark

Die EZB verspricht sich durch die negativen Zinsen vor allem eine Begrenzung der Aufwertung des Euro. In Dänemark, wo die Notenbank ebenfalls Minuszinsen eingeführt hatte, habe dies dazu beigetragen, die Aufwertung der dänischen Währung abzumildern, sagte Praet. "Im Kontext der sehr niedrigen Inflationsrate im Euro-Raum ist eine Aufwertung auch für die Euro-Zone ein Problem, weil ein stärkerer Euro die Einfuhren verbilligen und die Inflationsrate noch weiter nach unten drücken würde."

Befürchtungen, die Banken könnten die Strafgebühren an ihre Kunden weitergeben und damit Kredite verteuern, teilte er nicht. "Bei den Größenordnungen, über die wir reden, erwarte ich nicht, dass es dazu kommt", sagte er.

Absage an Staatsanleihenkäufe

Zugleich räumte er ein, dass die niedrigen Zinsen eine Belastung für die Sparer seien, sie seien aber gleichwohl nötig. Er habe Verständnis für die Nöte der Sparer, man müsse die Krise jetzt überwinden – davon würden auch die Sparer profitieren, weil die Zinsen in Zukunft wieder steigen würden. "Es mag paradox klingen, aber in der aktuellen Situation kann dabei eine weitere Lockerung der Geldpolitik helfen", sagte Praet.

Staatsanleihekäufen nach Vorbild der amerikanischen Notenbank erteilte Praet indes vorläufig eine Absage. "Ich denke, dazu würde es erst kommen, wenn sich die Konjunktur und die Inflation in der Euro-Zone deutlich schlechter entwickeln als von uns erwartet", sagte er.