Frage: Herr Wetzel, wann hatten wir zuletzt eine so gewerkschaftsfreundliche Politik wie derzeit in der großen Koalition?

Detlef Wetzel: Es ist zumindest lange her, dass eine Regierung Themen aufgegriffen hat, die uns wichtig waren: Mindestlohn, Stabilisierung des Tarifsystems, abschlagsfreie Rente nach 63 Lebens- und 45 Versicherungsjahren. Ja, wir haben eine überfällige Korrektur in einigen Politikfeldern.

Frage: Ein Erfolg der Gewerkschaften?

Wetzel: Jedenfalls sind viele Themen, die wir in die gesellschaftliche Debatte gebracht haben, in den Koalitionsvertrag eingeflossen. Das betrifft den Mindestlohn, aber auch die Rente: Wir haben immer gesagt, dass die Einheitsrente mit 67 nicht funktioniert und wir flexiblere Ausstiegsmöglichkeiten brauchen. Die Politik hat sich diesem Argument jetzt angeschlossen.

Frage: Und wird heftig kritisiert von vielen Ökonomen, die den Standort belastet sehen.

Wetzel: Ein Teil der Diskutanten kann offenbar überhaupt nicht nachvollziehen, wenn es ein Gesetz gibt, von dem Arbeitnehmer oder Rentner profitieren. Es gab viele Jahre eine Stimmung, in der nur gut war, was zulasten der Arbeitnehmer ging. Jetzt gibt es auch Gesetze, die Menschen guttun und Menschen helfen. Offenbar muss sich ein Teil der Gesellschaft erst wieder daran gewöhnen.

Frage: Bekommen wir eine andere Wertschätzung der Arbeit?

Wetzel: Das braucht Zeit. Viele Themen haben sich in den letzten 20 Jahren entwickelt – Leiharbeit, Werkverträge, der Niedriglohnsektor. Die damit zusammenhängenden Probleme wurden immer größer, deshalb hat die Politik reagiert.

Frage: Also waren die Gewerkschaften nicht so wichtig für den Politikwechsel?

Wetzel: Doch. Wir haben eine veränderte Wahrnehmung der Gewerkschaften in der Gesellschaft. Es ist ja erst etwas mehr als zehn Jahre her, dass der damalige Industriepräsident Tarifverträge verbrennen wollte und Mitbestimmung als schädlich für den Standort galt. In der Finanzkrise 2008/09 wurde dann deutlich, dass ohne Mitbestimmung und ohne Gewerkschaften die Krise so nicht bewältigt worden wäre. Inzwischen lobt die ganze Welt das Sozialpartnermodell in Deutschland, die Art und Weise, wie wir Marktwirtschaft organisieren.

Frage: Das deutsche Job-Wunder hängt auch mit der Agenda 2010 zusammen.

Wetzel: Das ist eine Legende, eine publizistische Finte. Andere Länder sind nicht an den Sozialkürzungen der Agendapolitik interessiert, sondern an unserem Sozialmodell: Wie es uns gelungen ist, mit Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten und Mitbestimmung die Beschäftigung zu stabilisieren.

Frage: Sie haben in den vergangenen zehn Jahren gewerkschaftliche Politik geprägt, "Tarif aktiv", "Besser statt billiger" oder die Leiharbeitskampagne sind einige Stichworte dafür. Was kommt als Nächstes?

Wetzel: Wir haben noch einige Projekte: Werkverträge, Fachkräftesicherung, Weiterbildung, Mitbestimmung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Beteiligung ist ein Schlüsselthema für die Entwicklung der Gesellschaft. Wir wollen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche mehr Beteiligung und Teilhabe entgegenstellen.

Frage: Wie soll das gehen?

Wetzel: Nehmen wir nur das Thema Fachkräftesicherung: Die Qualität der Arbeitsbeziehungen wird künftig eine entscheidende Rolle spielen. Wer will denn in einem Unternehmen arbeiten, das nicht tarifgebunden ist und keinen Betriebsrat hat, das schlechte Löhne zahlt und keine Angebote zur Qualifizierung macht und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Frage: Brennt den IG Metallern das Bedürfnis nach Mitbestimmung unter den Nägeln?

Wetzel: Wir haben kürzlich eine Beschäftigtenumfrage mit 500.000 Teilnehmern gemacht. Qualifizierung und Weiterbildung hat einen hohen Stellenwert, ferner der Wunsch nach Zeitsouveränität. Bislang ging es um flexible Arbeitszeiten aus Sicht der Arbeitgeber, jetzt geht es um Flexibilität für die Arbeitnehmer, die sie für Familien-, Bildungs- oder Pflegezeiten brauchen. Arbeitszeit wird ein Megathema der nächsten Jahre.