ZEIT ONLINE: Herr Osterloh, kennen Sie Thomas Piketty?

Bernd Osterloh: Nein. Sollte ich?

ZEIT ONLINE: Die Financial Times nennt ihn den Rockstar unter den Ökonomen. Sein Buch Capital in the 21th Century steht ganz oben auf den Bestsellerlisten in den USA. Seine These: Die Reichen werden immer reicher, während die große – die arbeitende – Masse nicht mehr mithält. Für Sie als Betriebsrat und Gewerkschafter müsste das ein alter Hut sein, oder?

Osterloh: Ja, es gibt eine Schieflage. Ich bekomme jeden Tag mit, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Nehmen Sie beispielsweise die steigenden Immobilienpreise: Immer mehr Reiche investieren in den Immobilienmarkt und ziehen so die Preise nach oben. Die Miete ist für einen einfachen Arbeiter in bestimmten Regionen Deutschlands kaum noch zu bezahlen. Auch nicht mit einem gesetzlichen Mindestlohn. Bei 8,50 Euro pro Stunde und einer 40-Stunden-Woche verdienen sie 1.470 Euro im Monat. Brutto! Manch ein Vorstand verdient mehr als das in unter einer Stunde.

ZEIT ONLINE: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Februar eine Studie herausgebracht, nach der in keinem anderen Land in Europa das Vermögen so ungleich verteilt ist wie in Deutschland. Haben wir ein Gerechtigkeitsproblem?

Osterloh: Auf jeden Fall hat Deutschland ein Gerechtigkeitsproblem. Man muss sich nur einmal anschauen, wie viele Kinder in diesem Land von Hartz IV leben müssen. Die haben oft nicht mal eine vernünftige warme Mahlzeit pro Tag. Dabei ist Deutschland insgesamt ein wohlhabendes Land.

 

ZEIT ONLINE: Viele Experten sagen, dass die Aufstiegschancen hier besonders schlecht seien. Einmal Hartz IV, immer Hartz IV?

Osterloh: In vielen Fällen stimmt das. Wer zu den unteren 30 Prozent der Gesellschaft gehört, hat geringe Chancen, da rauszukommen. Die Ungleichheit macht sich sehr stark bei den Bildungschancen von Kindern bemerkbar.

Die werden nicht ausreichend gefördert und bleiben deshalb häufig in der Unterschicht gefangen. Es existieren nicht genügend Kita-Plätze und die Klassen sind an vielen Schulen viel zu groß. Kinder mit Migrationshintergrund bekommen keine ausreichende Sprachförderung. All das mindert die Chancen auf eine gute Ausbildung und einen sozialen Aufstieg.

ZEIT ONLINE: Aber der Arbeitsmarkt in Deutschland boomt doch gerade. Es werden viele neue Jobs geschaffen.

Osterloh: Ja, das stimmt. Nur wer in seiner Kindheit und Jugend nicht gefördert wurde, hat geringere Chancen einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Es existiert in Deutschland keine Chancengerechtigkeit. Was ich im späteren Leben erreiche, hängt auch entscheidend vom sozialen Status meiner Eltern ab.

ZEIT ONLINE: Was kann dagegen getan werden?

Osterloh: Wir diskutieren doch gerade, was wir mit den steigenden Steuereinnahmen machen sollen. Kindergärten, Schulen, Ausbildung, Studium – hier haben wir großen Nachholbedarf. Hier könnte das zusätzliche Geld reingesteckt werden. Nur dann ändert sich auch etwas an den Ungerechtigkeiten.

ZEIT ONLINE: Die große Koalition beschließt dagegen die Rente mit 63.

Osterloh: Bei der Rente mit 63 geht es vor allem um die Menschen mit einem kontinuierlichen Erwerbsleben: Mit 45 Berufsjahren kann man in den Ruhestand gehen. Wir brauchen aber auch Lösungen für andere Beschäftigtengruppen. Man muss auch auf die individuelle Belastung der Mitarbeiter schauen. Die ist beispielsweise in Schichtbetrieben mit kleinteiliger Arbeit enorm. Hier müssen die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, früher aufzuhören. Hier hat sich das Instrument Altersteilzeit bewährt. Andere sind mit 63 noch topfit und wollen noch lange nicht in Rente.

ZEIT ONLINE: Kann man ältere Mitarbeiter nicht frühzeitig umqualifizieren?

Osterloh: Bei Volkswagen ist das natürlich ein großes Thema. Ich weiß nur nicht, ob in anderen Unternehmen auch so gedacht wird. Schauen Sie einfach mal in die Statistik: Eine höheres Renteneintrittsalter führt trotz Kündigungsschutz dazu, dass viele Ältere keinen Job mehr finden. Und die Jungen bekommen nur noch befristete Verträge. Welcher Berufsanfänger hat heute noch eine unbefristete Stelle? Aber darüber redet ja kaum jemand.

ZEIT ONLINE: Die Gewerkschaften sprechen häufig darüber.

Osterloh: Aber in der Presse werden diese Arbeitsverhältnisse vergleichsweise selten problematisiert. Dabei müssten Sie doch ein großes Interesse an einer öffentlichen Debatte haben. In den Medien arbeiten doch fast nur noch Menschen ohne festes Arbeitsverhältnis. Ich frage mich, warum die Journalisten nicht ihre eigenen Arbeitsbedingungen thematisieren.