Silvia Empacher wusste, was auf sie zukommt. Deshalb hat sie extra früh angefangen. Drei neue Kindertagesstätten will die Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie bei der Arbeiterwohlfahrt in Köln bis Oktober eröffnen. Die Gebäude stehen schon, die Plätze sind alle vergeben, doch das wichtigste fehlt: die Erzieher. "Neue Mitarbeiter zu finden wird immer schwieriger", sagt sie. "Auf eine freie Stelle kriegen wir weniger als zehn geeignete Bewerbungen." Schon vor Monaten stellte Empacher daher Stellenanzeigen online und führte die ersten Bewerbungsgespräche. "Wenn wir erst jetzt anfangen würden, hätten wir wahrscheinlich Probleme, bis Oktober wirklich alle Stellen zu besetzen."

Dabei hat Silvia Empacher noch Glück: Ihre neuen Kitas sind in Köln. "Die Stadt ist attraktiv und bei Bewerbungsgesprächen immer ein Pluspunkt", sagt sie. "Aber manchmal wollen Bewerber noch nicht mal von der rechten auf die linke Rheinseite umziehen." In kleinere Städte oder gar aufs Land wollen die meisten erst recht nicht. Hier bekommt so manche Kita auf Stellenangebote gar keine Bewerbungen. Einige Träger gaben die Bewerbersuche bereits entnervt auf.

Deutschland fehlen Erzieher. Das zeigt auch eine Auswertung der Arbeitsagentur. Vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und dem Saarland haben die Träger von Kindertagesstätten Probleme, geeignetes Personal zu finden (siehe Grafik unten). Der Grund dafür ist das ehrgeizige Versprechen, das Bund, Länder und Kommunen abgegeben haben: Seit August 2013 haben Eltern mit Kindern unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.

Um dieses Versprechen zu erfüllen, haben Kommunen und Träger in den vergangenen Jahren fleißig Kitas gebaut und Jobs ausgeschrieben. Die Zahl der Stellen für Erzieher ist laut der Arbeitsagentur zwischen 2008 und 2013 um rund 160 Prozent gestiegen.

Das hat den Arbeitsmarkt für Erzieher und Kindheitspädagogen mächtig durcheinandergeworfen. Erzieher sind inzwischen so gefragt wie früher Informatiker. "Die können sich aussuchen, wo sie hingehen", sagt Thomas Jeschkowski. Er ist stellvertretender Geschäftsführer beim Kreisverband Düsseldorf des Deutschen Roten Kreuzes, der zwölf Kindertagesstätten in Düsseldorf betreibt und bald zwei weitere eröffnen will.

Doch während bei Informatikern das Zusammenspiel von hoher Nachfrage und kleinem Angebot auf dem Arbeitsmarkt dafür gesorgt hat, dass die Gehälter gestiegen sind und inzwischen immer mehr Studenten Informatik studieren, ist das bei Erziehern nicht passiert. Und genau hier liegt das Problem, sagt Regine Morys. Sie leitet an der Hochschule Esslingen den Bachelor-Studiengang Bildung und Erziehung in der Kindheit. Seit 2006 kann man sich hier zu staatlich anerkannten Kindheitspädagogen ausbilden lassen.

Doch von den Absolventen des Studiengangs arbeitet laut Morys gerade mal die Hälfte nach dem Abschluss in einer Kindertagesstätte. Der Rest studiert weiter oder sucht sich einen Job in anderen pädagogischen Bereichen wie zum Beispiel der Schulsozialarbeit. Bei dem klassischen Weg in den Erzieherberuf, der Ausbildung an einer Fachschule, sehe es nicht viel anders aus, sagt die Professorin.