Sie müssen als Prostituierte anschaffen, in Fabriken schuften und in Privathaushalten die Drecksarbeit verrichten: Zwangsarbeiter, moderne Sklaven. Auf 21 Millionen weltweit schätzt die Internationale Arbeitsagentur ILO ihre Zahl, darunter sollen mehr als fünf Millionen Kinder bis 17 Jahre sein. Ihre Ausbeuter machen ein sattes Geschäft: 150 Milliarden Dollar verdienen sie laut ILO-Berechnungen – pro Jahr. Zwangsarbeit sei zwar "fundamental böse, aber enorm profitabel", warnte ILO-Generaldirektor Guy Ryder am Montag in Genf. Sklaverei ist allerdings kein Thema nur für arme Länder – auch in Deutschland gibt es Fälle.

Laut ILO-Chef Ryder werden Opfer von Zwangsarbeit meist völlig unzureichend oder überhaupt nicht bezahlt. Weigerten sie sich zu arbeiten, müssten sie mit heftigen Strafen wie Prügel oder Nahrungsentzug rechnen. Besonders lukrativ ist der ILO zufolge die "kommerzielle sexuelle Ausbeutung". ILO-Chef Ryder rief zu einem entschlossenen Kampf gegen die Zwangsarbeit auf, die oft von Kriminellen organisiert wird.

Zu den schmutzigen Geschäften der Schlepper und Zuhälter gehört auch Pornografie unter Zwang. Allein mit derlei Machenschaften verdienten die Täter jährlich 99 Milliarden Dollar. Die Opfer sind vor allem Frauen. Dahinter folgen Zwangsarbeit auf dem Bau, in Fabriken sowie im Bergbau. Dort werden pro Jahr 34 Milliarden Dollar mit illegaler Beschäftigung verdient. In der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei verdienen die Auftraggeber durch den Einsatz von Zwangsarbeitern schätzungsweise neun Milliarden Dollar. Hinzu kommt das Geld, das viele private Haushalte sparen, weil sie ihren Angestellten viel zu wenig bezahlen – diese Summe belaufe sich noch einmal auf acht Milliarden Dollar.

Asien ist der größte Markt moderner Sklaverei

Am weitesten ist Zwangsarbeit in Asien verbreitet, dort werden laut ILO fast zwölf Millionen Menschen zur Arbeit gezwungen. Aber auch in Europa ist moderne Sklaverei ein Thema: Fast zwei von 1.000 Personen auf dem alten Kontinent sind nach einer ILO-Faustformel Zwangsarbeiter. Bezogen auf Deutschland wären das gut 145.000 Menschen. Daten dazu gibt es aber nicht, nicht einmal Schätzungen, sagt Luiza Lupescu, Expertin beim Bündnis gegen Menschenhandel, einem Zusammenschluss von Verbänden und Gewerkschaften, die Zwangsarbeit bekämpfen wollen.

Durch die Globalisierung und die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes ist Ausbeutung in den vergangenen Jahren ein immer stärkeres Thema geworden. Das weltweite Wohlstandsgefälle treibt Menschen in die reichen Länder – dort verdienen Geschäftemacher mit ihnen viel Geld. Deutschland beispielsweise ist für Osteuropäer ein beliebtes Ziel. "Wer Menschen ausnutzt, macht sich oft ihre mangelnden Sprachkenntnisse zunutze und verlangt von ihnen hohe Gebühren für Anreise und Arbeitsvermittlung in Deutschland", berichtet Expertin Lupescu. "Mitunter sehen sich die Betroffenen gezwungen, jahrelang zu schuften, um diese Schulden abzuarbeiten – das ist eine moderne Form der Sklaverei."

Die Politik bleibt mit vielen Gesetzen oft wirkungslos

Zwar steht Zwangsarbeit unter Strafe – doch die Ermittlungserfolge der Behörden sind übersichtlich. "Die Dunkelziffer ist enorm", berichtet Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte. "Und die Beratungsstellen hierzulande sind noch immer vor allem auf sexuelle Ausbeutung von Frauen ausgerichtet."

Die Politik ist alarmiert. "Zwangsarbeit ist ein schreckliches Verbrechen", sagt Brigitte Pothmer, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. "Die Opfer müssen konsequent geschützt und unterstützt werden. Das geht nur mit klaren gesetzliche Regelungen, effektiven Kontrollen und Beratungsangeboten für die Opfer."

Asien ist die Region, in der die Zwangsarbeit den höchsten Gewinn abwirft: 52 Milliarden Dollar sollen dort jährlich mit Zwangsarbeit verdient werden. Obwohl in den USA, in der EU und anderen entwickelten Staaten vergleichsweise wenige Menschen unter Zwang arbeiten müssen, erreichen die Profite in diesen reichen Ländern den zweithöchsten Wert aller Regionen: 47 Milliarden Dollar. In Afrika müssen schätzungsweise 3,7 Millionen Männer, Frauen und Kinder gegen ihren Willen schuften. Dahinter folgen Lateinamerika mit der Karibik (1,8 Millionen), Südosteuropa und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion (1,6 Millionen) sowie die USA, die EU-Länder und andere entwickelte Staaten (1,5 Millionen).

Wie aber geraten Menschen in die Fänge der Profiteure von Zwangsarbeit? Die größte Gefahr ist laut ILO ein "plötzlicher ökonomischer Schock" wie der Wegfall des regulären Einkommens. Betroffene, die keine soziale Absicherung haben, müssen jeden Job akzeptieren, um über die Runden zu kommen. Weitere Risikogruppen sind Analphabeten und Migranten ohne gültige Papiere.

Erschienen im Tagesspiegel