Seine Anrufer sind auf Anonymität erpicht: Sie nennen ihren Namen nicht. Oder verstecken sich hinter der Geschichte eines angeblichen Schwagers, der gerade in Schwierigkeiten steckt. Sie haben Angst, sie schämen sich. Und doch wollen sie alle mit Ingo Heuel reden. Um reinen Tisch zu machen.

Ingo Heuel ist Steuerberater aus Köln, seine Kanzlei LHP – Luxem Heuel Prowatke – ist auf Steuerstrafrecht spezialisiert. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl seiner Klienten verdoppelt, in 2013 waren es allein 400 Selbstanzeigen. Im Schnitt melden sich täglich zwei neue Steuerbetrüger bei ihm. Wenn zum nächsten Jahr noch schärfere Voraussetzungen für eine Selbstanzeige in Kraft treten, werden es noch mehr. Das ist jetzt schon klar.   

Es ist der Hoeneß-Effekt, von dem Heuel profitiert. Deutschlands Steuerkanzleien werden von reumütigen Steuerhinterziehern gestürmt: Nie zuvor zeigten sich mehr Menschen selbst an. Im ersten Quartal dieses Jahres verdreifachte sich ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr.

Sie alle brauchen fachlichen Beistand, um eine wasserdichte Selbstanzeige zu formulieren, denn der Gesetzgeber hat sehr detaillierte Anforderungen, wie diese aussehen muss. In den vergangenen Monaten hat Heuel gleich drei neue Anwälte eingestellt, um die Nachfrage befriedigen zu können. Und doch kommt das Team kaum hinterher. Manche seiner Anwälte würden 80 oder 90 Stunden pro Woche arbeiten, erzählt er.  

Doch wer sind die Menschen, die reumütig Heuel aufsuchen? Nach seiner Erfahrung gibt es nicht den einen, typischen Steuerhinterzieher. "Das Problem zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten", sagt er. Auf seinen schwarzen Lederstühlen saßen schon ein DAX-Vorstand, ein Autohändler, ein Pfarrer und ein Bordellbetreiber.

Juristerei und Händchenhalten

Erst kürzlich nahm eine Dame Platz, aufgelöst und zitternd. Jahrelang hatte sie ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz geführt. 10.000 Euro schleuste sie am Fiskus vorbei. Für Heuels Verhältnisse war das eigentlich kein hoher Betrag. Doch die Frau war am Ende mit ihren Nerven. Immer wieder fragte sie ihren Steuerberater, ob sie bald ins Gefängnis müsse. Heuel beruhigte sie, juristisch gesehen habe sie nichts zu befürchten. Aber die Angst konnte er ihr nicht nehmen.

"Selbstanzeigen-Beratung", sagt Heuel, "ist zur einen Hälfte Juristerei, zur anderen Hälfte Händchenhalten." Vielen Mandanten sei es anfangs sehr unangenehm, Selbstanzeige zu stellen. Und oft seien sie sich unsicher: Löst die Anzeige wirklich ein Problem? Oder schafft sie erst eins?

Dabei gewährt das deutsche Strafrecht dem Steuersünder gar in gewissem Maße Absolution. Enthält eine Selbstanzeige alle relevanten Informationen, schützt sie den Steuersünder vor einer harten Strafe – etwa Gefängnis oder hoher Geldbuße. Ist die Anzeige gültig, wird nur der hinterzogene Betrag samt Zinsen fällig, in manchen Fällen kommt ein Aufschlag von fünf Prozent dazu. Für Steuerhinterzieher ein eleganter und vor allem günstiger Weg, mit dem Fiskus ins Reine zu kommen.