Es ist 18 Uhr – und der Uni-Tag sollte längst vorbei sein. Nicht aber so in Raum 4.205: Der Bildschirmprojektor surrt, 50 Studenten rücken die Stühle noch enger zusammen. An der Wand leuchtet Folie 1 der Power-Point-Präsentation Marxistische Krisentheorie.

Der Stoff, den Sakir Yazlim hier präsentiert, interessiert die Studenten der Wirtschaftswissenschaften brennend. Sie sind allesamt freiwillig hier. Punkte gibt es für das Seminar Bubbles, Crashes and Panics: An Introduction to Alternative Theories of Economic Crisis nicht.

Es ist die Post-Crash Economics Society an der Universität Manchester, die das Seminar anbietet. Eine Gruppe von Studenten, die sich ein großes Ziel gesetzt hat: Sie wollen den Ökonomie-Lehrplan der Uni umkrempeln. "Die Wirtschaftslehre, die wir an der Uni lernen, hat mit der realen Wirtschaft nichts zu tun", schreiben sie auf ihrer Internetseite. Sie fordern mehr Bezug zur wirtschaftlichen Realität und Platz für Theorien außerhalb des ökonomischen Mainstreams: die marxistische Wirtschaftstheorie, die Österreichische Schule oder ökologische und feministische Ansätze.  

Vier Semester lang hatte sich Joe Earle die reine Lehre angeschaut: kein Wort über die Eurokrise, keine Diskussionen, keine Alternativen, keine Kritik – dafür die immer gleiche Theorie vom freien Markt, dem Homo Oeconomicus, komplexe Formeln und am Ende ein Multiple-Choice-Test. Das war Earle, 23 Jahre alt und mittlerweile im sechsten Semester des Ökonomie-Bachelors, nicht genug.

Er wünschte sich eine Art Werkzeugkasten für die Wirtschaft. Mit dem könnte er vielleicht Probleme nicht lösen, aber zumindest besser analysieren. "Wir sind die Generation der Finanzkrise, wir wollen verstehen, wie ökonomische Probleme entstehen, wie sie sich auf unser Leben auswirken", sagt er. Und vielleicht gar die Gesellschaft verbessern.

Die Studenten nehmen den Lehrplan in die Hand

Aber in Earles Studium taucht die Wirtschaftskrise nur als exogener Schock im makroökonomischen System auf. Als Faktor X im Gleichgewichtsmodell von Güter- und Geldmarkt. Befriedigend sei das nicht, findet Earle. Im Dezember 2012 reicht es ihm. Zusammen mit drei Freunden gründet er die Post Crash Economics Society. Sie fangen an, mit Professoren über ihren Frust zu sprechen, sie schicken E-Mails an Kommilitonen, verfassen eine Petition. Und als sie merken, dass das alles nicht viel bringt, nehmen sie ihren Lehrplan selbst in die Hand. 

Zuerst unterstützt die Institutsleitung die Idee der Studenten für ein zusätzliches Krisen-Modul. Sie bittet Sakir Yazlim, das Seminar Bubbles, Crashes and Panics zu leiten. Doch es regt sich Widerstand aus den Reihen der Professoren, die den gängigen neoklassischen Ansatz unterrichten.  Nur zwei Wochen später kündigt die Leitung an, der Kurs "passe nicht in den aktuellen Makroökonomie-Lehrplan". Yazlim, der seit Jahren in Manchester Makroökonomie lehrt, trotzt: "Ich habe Sie wissen lassen, dass ich das Seminar trotzdem halte – um Erlaubnis gefragt habe ich nicht." Ein Jahr lang lässt die Uni Manchester Yazlim gewähren, doch jetzt wird sein Vertrag nicht mehr verlängert. Zum Sommersemester muss er gehen. 

Die Post-Crash Society ist bestürzt: In einer Petition fordern 245 Studenten die Verlängerung des Seminars. Doch die Uni-Leitung schweigt. Sie kündigt an, gerade selbst an der Entwicklung eines Moduls zu alternativen Wirtschaftstheorien zu arbeiten. Im Winter 2015 könnte das neue Modul erstmals im Angebot sein. Ein Erfolg für die Protestler? Yilmaz kann über die Reaktion der Universität nur lächeln: "Wenn sie es wirklich ernst meinten, würden sie doch schon im kommenden Semester einen Kurs anbieten." 

Die Unterstützung kommt aus dem Ausland

Auch Earle weiß, dass Universitäten gerne auf Zeit spielen, wenn ihnen jemand unangenehm wird. "Studenten sind Durchreisende, und die Uni hofft, dass wir in ein paar Jahren alle weg sind und Gras über die Sache gewachsen ist", sagt er. Deshalb machen die Studenten weiter mit ihrem autodidaktischen Lehrplan. Im Seminar Was ihr in eurem Ökonomie-Studium niemals lernen werdet stellen Gastprofessoren aus London, Wien und Cambridge alle zwei Wochen alternative Wirtschaftstheorien vor. Dieses Seminar wird auch nächstes Semester wieder stattfinden.

An ihrem eigenen Institut fehlt es den Studenten an Unterstützung – umso stärker kommt sie aus der Ferne: Viele bekannte Professoren haben sich öffentlich für das Anliegen eingesetzt. Sogar der Vorstand der Bank of England, Andy Haldane, stimmt in den Tenor der Studenten mit ein: "Es ist an der Zeit, ein paar grundlegende Elemente der Wirtschaft zu überdenken." Für die Protestler kommt die prominente Unterstützung gerade recht. Anfang des Monats haben Ökonomie-Studenten aus 19 Ländern ein Manifest veröffentlicht, in dem sie zu einem internationalen Kurswechsel in der ökonomischen Lehre aufrufen.  

Es gibt kleine Veränderungen, immerhin

Von den 40 studentischen Vereinigungen, die das Manifest unterschrieben haben, kommen auch 15 Gruppen aus Deutschland. Seit die erste Gruppe für Plurale Ökonomik vor zehn Jahren in Heidelberg gegründet wurde, hat sich viel getan. Die Bewegung sei nicht nur internationaler geworden, sondern auch in Deutschland besser vernetzt, sagt Hendrik Theine, der seit mehreren Jahren für das Netzwerk Plurale Ökonomik aktiv ist.

Auf der Website Pluralowatch können Uni-Gruppen bundesweit Aktionen vorschlagen, um ihre kleine Revolte weiter zu verbreiten. "Film ’nen Prof" heißt der jüngste Aufruf: Studenten sollen besonders interessante Vorlesungen aufnehmen und über die Plattform verbreiten.

 In Großbritannien will Earle eine solche Plattform auch aufbauen. Er ahnt, dass es noch lange dauern wird, bis der Ökonomie-Lehrplan sich an der Wirklichkeit orientiert. Kleine Veränderungen aber gibt es schon.  Kürzlich präsentierte ein Ökonometrie-Professor etwa den Bayesschen Wahrscheinlichkeitsbegriff, der Wahrscheinlichkeit als Grad persönlicher Überzeugung interpretiert – eine alternative Interpretation, die nicht im Lehrplan steht. "Das war faszinierend, ich wusste davor gar nicht, dass es andere Ansätze der Ökonometrie gibt", sagt Earle.