Als der Journalist Deng Fei vor drei Jahren durchs ländliche China reiste, machte er eine erschütternde Beobachtung: Deng sah, wie Kinder sich auf einem Schulhof über offenem Feuer ein karges Essen kochen. Die Kinder litten Hunger, wie Millionen andere chinesische Schüler auch.

Der Journalist wollte helfen. Auf der Mikroblog-Plattform Sina Weibo startete er eine Spendenkampagne, die er "Kostenloses Mittagessen" nannte. Er hatte großen Erfolg: Drei Jahre und 40 Millionen Weibo-Follower später ist "Kostenloses Mittagessen" eine landesweite Bewegung, die neun Millionen Euro Spenden gesammelt hat und 360 Schulen im ganzen Land mit kostenlosen Mittagsmahlzeiten versorgt.

Dengs Initiative war ganz im Interesse der Partei. Schon im Jahre 2008 hatte der damalige Premierminister Wen Jiabao die Mangelernährung unter Schulkindern als Problem ausgemacht. Zwei Jahre später griffen Journalisten des staatlichen Fernsehsender CCTV das Thema auf. Es gelang ihnen Liu Yunshan für das Schicksal der hungrigen Kinder zu interessieren, den Propagandachef der Partei. Die Journalisten machten eine Dokumentation, sie durften sie zur Hauptsendezeit ausstrahlen.

Danach galt das Thema als unproblematisch. Eine Woche nachdem die CCTV-Doku gelaufen war, startete Deng Fei seine Weibo-Kampagne auf Weibo. Wenig später verkündete die Regierung selbst, jährlich rund 180 Millionen Euro für die Schulspeisung in den ärmsten Regionen bereitzustellen.

Dengs Erfolgsgeschichte ist Teil eines großen gesellschaftlichen Umbruchs in China. In einem Land ohne moderne Spendentradition, in dem jede Form organisierter Zivilgesellschaft verboten war, ist in den letzten Jahren eine vielfältige NGO-Landschaft entstanden – gestützt auch durch die technischen Möglichkeiten des Internets.

Auslösendes Ereignis war das große Erdbeben in Wenchuan im Jahr 2008. Der Filmstar Jet Li gründete damals die One Foundation, die nur zufällig so heißt wie die gleichnamige Entwicklungsorganisation des U2-Sängers Bono. Die chinesische One fordert die Bürger unermüdlich übers Internet zu Dauerspenden auf. Ihre Parole: "ein Mensch, ein Monat, ein Yuan".

Auch die Internetgiganten Tencent, Sina Weibo und Alibaba errichteten nach dem Beben große Spendenplattformen. Dank ihrer gigantischen Nutzerzahlen – alleine in Tencents QQ-Chat sind teilweise 180 Millionen Nutzer gleichzeitig online – sind die Medienunternehmen in der Lage, die neue Spendenkultur anzukurbeln. Tencents Chef Dou Ruigang verkündet hochfliegende Ziele: "Philanthropie soll Teil des chinesischen Lifestyles werden."

Noch sind die Zahlen allerdings bescheiden: Bislang wurden über die großen Plattformen rund 60 Millionen Euro an Spenden eingeworben. Zum Vergleich: In Deutschland hat der Spendenmarkt ein jährliches Volumen von rund sieben Milliarden Euro.

Viele Beobachter sehen in Digitalkampagnen wie dem "kostenlosen Mittagessen" von Deng Fei Belege für eine entstehende Zivilgesellschaft und neue, digital ermöglichte Freiräume. Manche interpretieren sie gar als verdeckte politische Proteste der großen, aufstrebenden Mittelschicht gegen die Mängel der staatlichen Politik. Diese Mittelschicht sehe sich mit massiven sozialen Problemen konfrontiert – und weil sie die offizielle Politik nicht direkt selbst beeinflussen können, engagieren sie sich auf eigene Faust. 

Die meisten der neuen chinesischen Nichtregierungsorganisationen verstehen sich – anders als ähnliche Gruppen in Europa und den USA – aber nicht als kritisches Gegengewicht zu Staat und Wirtschaft. Ganz im Gegenteil: Die kommunistische Regierung unterstützt das bürgerschaftliche Engagement, und die Gruppen übernehmen häufig Aufgaben im Sinne der Partei. Dem Staat fehlen die Mittel für eine effektive Sozialpolitik, und so schiebt er, wie auch viele westliche Staaten, Wohlfahrtsdienstleistungen an private Initiativen, Unternehmen und Privatspender ab.