Wer in den atombegeisterten fünfziger und sechziger Jahren nach kritischen Stimmen zur Kernkraft sucht, wird ausgerechnet im Umkreis des Energieversorgers RWE fündig, einem der drei deutschen Atomkonzerne. Heinrich Schöller, von 1945 bis 1961 im RWE-Vorstand für Technik zuständig, verkündete 1952, dass die Braunkohle "in den nächsten hundert Jahren in zunehmendem Maße der Mittelpunkt der europäischen Energieerzeugung" sein werde.

Immer wieder kritisierte er die Befürworter der Atomenergie. Für ihn war die Begeisterung für das "friedliche Atom" nach dem Atoms for Peace-Aufruf des US-Präsidenten Dwight Eisenhowers völlig überdreht. Er glaubte nicht daran und warnte stattdessen vor dem Müllproblem: Die Beseitigung des Atommülls werde "vorläufig" etwa ebenso kostspielig sein wie die nukleare Stromerzeugung selbst, sagte er 1957 im Bundeswirtschaftsministerium.

Wie aber kann es dann sein, dass Schöller später als Ruheständler die Bauleitung eines Karlsruher Forschungsreaktors übernahm und auch den Bau des Versuchsreaktors bei Kahl am Main in Auftrag gegeben hat? Nachträglich bekannte er, bei dieser Entscheidung von dem Gedanken bestimmt gewesen zu sein, "dass, wenn schon der Staat durch übereilten Bau von Kernkraftwerken Dummheiten machen will, wir diese Dummheiten dann doch lieber selber machen wollen, um sie unter Kontrolle zu halten."

Auch RWE-Berater Oskar Löbl war in den Gründerjahren der bundesdeutschen Atomwirtschaft geradezu darauf spezialisiert, die optimistischen Erwartungen der Propagandisten des Atomstroms zu zerpflücken.

RWE zerpflückte Atom-Euphorie

Im Stil der Asterix-und Obelix-Hefte, die das freie Gallierdorf als Insel im Römerreich schildern, rühmte er RWE als Insel der Nüchternheit im Meer der Atomeuphorie: "Alles war hoffnungsvoll gestimmt, das Atomzeitalter war angebrochen, die Zukunft hatte begonnen. Nur eine Gruppe hatte Vorbehalte: die großen Stromversorger. Sie wollten an das Goldene Zeitalter nicht glauben." Die Skepsis von RWE hatte ihren Grund: Die Anbieter von Kernreaktoren wurden stets kleinlaut, sobald RWE von ihnen verlangte, die von ihnen versprochenen niedrigen Kosten vertraglich zu garantieren.

Der Bund sagte den Energieversorgern massive staatliche Förderung zu: Er trug mehr als zwei Drittel der Baukosten, das waren immerhin mehr als 200 Millionen DM, zu damaligen Zeiten eine enorme Summe. Und er übernahm den Großteil des Risikos.

Erst mit solchen Garantien ließ sich RWE 1962 überzeugen, zusammen mit dem staatlichen Energieversorger Bayernwerk das erste bundesdeutsche Demonstrations-Kernkraftwerk in Gundremmingen an der Donau in Auftrag zu geben. Dass der Bund den Bau anwies, ist daher eine absurde Behauptung.

Für RWE war das Gundremmingen-Geschäft perfekt. Selbst der Verhandlungsführer im damaligen Bundesatomministerium stellte verärgert am Ende fest, dass das Arrangement den Energieunternehmen ermöglichte, "mit einem Minimum an eigenem Engagement" nützliche Erfahrungen in der Kerntechnik zu sammeln und damit "ihre führende Stellung in der deutschen Energiewirtschaft" zu untermauern.

RWE schreibt einen Wunschzettel

Eines der denkwürdigsten Dokumente aus dieser Zeit ist ein Briefwechsel aus dem Jahr 1966 zwischen dem ehrgeizigen Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU), der endlich Schwung in die Kernkraft-Entwicklung bringen wollte, und der RWE-Spitze. Weil Stoltenberg genau wusste, dass er den Energiekonzern nicht zur Kernenergie zwingen konnte, forderte er ihn einfach auf, die Bedingungen für einen Einstieg zu nennen.

RWE ließ sich mit der Antwort sieben Wochen Zeit und übermittelte dann dem Minister am 22. Dezember 1966, sinnigerweise zu Weihnachten, den Wunschzettel. Der hatte es in sich: Laut RWE brauche man derzeit den Atomstrom gar nicht. Vielmehr verfüge man sogar über "erhebliche ungenutzte Kraftwerkskapazität". Daher sei eine "unerlässliche Voraussetzung" für den Einstieg ein Anwachsen des Stromverbrauchs "in etwa gleichem oder gar stärkerem Umfang, als er in den letzten Jahren zu beobachten war".

Weiter: Mit der "Erdgas-Propaganda" der Regierung müsse endlich Schluss gemacht werden. Zudem müssten Unsicherheiten im Genehmigungsverfahren behoben werden: Einsprüche gegen Kernkraftprojekte dürften keine Wirkung mehr haben. Der Forderungskatalog bestätigte also schon damals die Kritik von Aktivisten, dass Bürgerbeteiligung eine Farce ist.

RWE warnt gar vor nuklearem Restrisiko

RWE wehrte sich zudem vor Konkurrenz. Ab 1967 plante etwa der Chemiekonzern BASF ein firmeneigenes Kernkraftwerk bei Ludwigshafen. Der Meiler kam dem RWE-Vorhaben in die Quere, bei Biblis den damals größten Kernkraft-Komplex der Welt zu errichten.

Ausgerechnet Heinrich Mandel, ab 1967 RWE-Vorstandsmitglied und begeisterter Atomkraftanhänger, verwies gegenüber dem Forschungsministerium auf die Lage in den USA: Dort errichte man Kernkraftwerke vorerst nicht in Großstadtnähe. Verrückt: Um sich unliebsame Konkurrenz vom Hals zu halten, argumentierte RWE mit dem nuklearen Restrisiko! In der Tat wurde die Genehmigung für das BASF-Projekt über Jahre verschleppt und am Ende verweigert. Die BASF-Spitze schäumte über die "barbarische Brutalität von RWE".

Um es klar zu sagen: Der Einblick in interne Akten weckt Respekt vor der nuklearen Kompetenz von RWE und dessen Unabhängigkeit von Trends. Die zuständigen Bonner Instanzen wollten das Unternehmen in die Kernenergie drängen. Aber sie konnten nur locken und ködern, sie konnten den größten deutschen Stromerzeuger nicht zwingen.

Helmut Meysenburg, im RWE-Vorstand die längste Zeit der Mann der Braunkohle, schilderte 1981 die Umstände, die ihn am Ende doch auf die Kernenergie einschwenken ließen: Das Ölgeschäft erwies sich als unsicher. Außerdem machten energieintensive Industrien Druck: Amerikanische Aluminiumwerke wollten sich im RWE-Revier etablieren. Von staatlichem Zwang war keine Spur. Aus eigener Entscheidung vollzog RWE den Einstieg in die Kernenergie. Und besser als viele andere Zeitgenossen kannte die Gesellschaft die Risiken und Folgelasten, auf die sie sich damit einließ.