Es gibt sie mit dem Geschmack von Erdbeeren, Äpfeln oder Waldfrüchten. Wer die "kühlende Wirkung mit dem Extra-Frischekick" bevorzugt, greift zu "Menthol Arctic". Und wer es lieber klebrig-süß mag, raucht Tiramisu, Cappuccino und Cola. Was für manche wie eine todsichere Geschmacksverirrung klingt, ist für immer mehr Raucher eine echte Alternative zur normalen Zigarette: die E-Zigarette.    

Die elektronische Zigarette ist ein enormer Wachstumsmarkt. Monat für Monat kommen im Schnitt rund zehn neue Marken hinzu, wie es in einer im Fachmagazin Tobacco Control veröffentlichten Studie heißt. Bei ihrer Internet-Recherche fanden US-Forscher mehr als 460 Marken mit eigenem Internetauftritt – und fast 7.800 verschiedene Geschmacksrichtungen. In den vergangenen zwei Jahren kamen jeden Monat im Schnitt 242 weitere Geschmacksrichtungen hinzu, schreiben die Wissenschaftler der medizinischen Fakultät der University of California in San Diego. 

Auch in Deutschland wächst das Geschäft rasant. Der Verband des eZigarettenhandels (VdeH) rechnet vor, dass sich der Umsatz in den vergangenen vier Jahren mehr als verzwanzigfacht habe. Die Zahlen sind zwar immer noch recht überschaubar – von fünf auf 100 Millionen Euro Umsatz bis Ende 2013. Doch das Wachstum – in diesem Jahr soll der Markt auf bis zu 200 Millionen Euro anschwellen – sorgt für Unruhe beim Establishment. 

Nachdem die führenden Tabakhersteller den Nischenmarkt jahrelang ignoriert haben, steigen die Großen der Branche nun Hals über Kopf ein. Die durch Rauchverbote und abschreckende Bilder auf Packungen gebeutelte Branche fürchtet, den entscheidenden Trend zu verpassen – und kauft sich im großen Stil ins Geschäft ein. Erst vor wenigen Tagen schnappte sich der Brancheriese Japan Tobacco (JT) den Hersteller Zandera, der die in Großbritannien bekannte Marke E-Lites vertreibt. "Durch das Investment bekommt JT einen exzellente Einstieg in den schnell-wachsenden Markt für E-Zigaretten", ist sich Vize-Chef Masamichi Terabatake sicher.

Big Tobacco ist auf dem Sprung. "Noch in diesem Jahr werden voraussichtlich alle großen Hersteller mit eigenen Produkten auf dem Markt sein", sagt der Vorsitzende des Lobbyverbandes VdeH, Dac Sprengel.

Die klassische Zigarette ist immer weniger gefragt

Die Zigaretten-Industrie hofft, dass das neue Rauchgerät der Weg aus der Absatzkrise ist. Denn in Ländern wie Australien, Mexiko und Norwegen zeigen Aufklärungskampagnen und ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein eine für die Branche schmerzhafte Wirkung. Auch in Deutschland hat sich der klassische Zigarettenkonsum im Vergleich zur Jahrtausendwende fast halbiert.

E-Zigaretten funktionieren nach einem völlig anderen Prinzip als herkömmliche Glimmstängel.  Sie enthalten einen Akku, einen Verdampfer, eine Heizspirale und eine Flüssigkeit, die Nikotin und Aromen enthalten kann. Die Flüssigkeit wird erhitzt und der Dampf inhaliert. Anders als bei der normalen Zigarette wird nichts verbrannt, sondern nur verdampft.

Gesünder? Der Effekt ist umstritten

Das aber macht E-Zigaretten nicht harmlos. Ende Mai sprach sich der Deutsche Ärztetag dafür aus, den Verkauf von E-Zigaretten an Minderjährige zu verbieten. Es gebe zunehmend Hinweise darauf, dass E-Zigaretten nicht unbedingt anstelle tabakhaltiger Zigaretten konsumiert würden, sondern zusätzlich. Damit werde das Suchtverhalten stabilisiert, was besonders bei Jugendlichen nicht ungefährlich sei. Forscher warnen auch, die Langzeitfolgen des Konsums von E-Zigaretten seien noch unbekannt.

Die sogenannte Hardware stammt bislang aus China. 99 Prozent der E-Zigaretten würden dort produziert, sagt Sprengel. Die Fabriken für die Inhaltsstoffe stehen dagegen auch in Europa. Aber auch hier ist der Markt in Bewegung. Bislang habe in Europa das nötige Fachwissen für eine maschinelle Produktion gefehlt. Daher werde sie bislang in Asien in mühsamer Handarbeit hergestellt, erklärt Sprengel. Doch schon im Herbst soll eine Maschine aus den Niederlanden für die vollautomatische Produktion präsentiert werden. "Sobald man Massenprodukte hat, wird die Handarbeit wirtschaftlich uninteressant." Die Zeichen stehen auf Wachstum.