ZEIT ONLINE: Herr Cordes, wenn der russische Präsident Wladimir Putin ein Firmenmanager wäre: Würden Sie mit ihm Geschäfte machen?

Eckhard Cordes: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir russische Partner als absolut verlässlich kennengelernt. Natürlich gibt es da auch schwarze Schafe – wie in jedem anderen Land der Welt. Aber nur als Beispiel: Seit mehr als 40 Jahren liefern die Russen jeden Tag treu das vertraglich vereinbarte Öl und Gas. Das wird auch in den nächsten 30 Jahren so bleiben. Russland wird nicht den Ast absägen, auf dem es sitzt.

ZEIT ONLINE: Die Wirtschaft wirbt für eine diplomatische Lösung in der Ukraine-Krise. Aber wie soll die mit einem Staatschef aussehen, der das Völkerrecht bricht und Fehlinformationen streut?

Cordes: Ich bin kein Politiker. Ich weiß nicht, ob gezielt Fehlinformationen gestreut wurden. Konflikte löst man nur durch Gespräche und nicht durch Sanktionen. Wirtschaftssanktionen werden uns in der Situation nicht weiterbringen.

ZEIT ONLINE: Deutsche Unternehmen schätzen die Geschäftsaussichten laut einer Umfrage unter Ihren Mitgliedern viel schlechter ein als noch zu Jahresbeginn. Hat Sie das überrascht?

Cordes: So massiv hätte ich die Eintrübung nicht erwartet. Die deutschen Ausfuhren in die Ukraine und nach Russland sind in den ersten vier Monaten des Jahres eingebrochen. Der Export in die Ukraine ging um rund ein Drittel zurück, was 500 Millionen Euro entspricht. Die Ausfuhren nach Russland sanken um 14 Prozent oder 1,7 Milliarden Euro.

ZEIT ONLINE: Wie viele Arbeitsplätze stehen auf der Kippe?

Cordes: Wenn sich das Jahr so weiterentwickelt wie bislang, könnten 25.000 Stellen in Gefahr sein. Das dürfte querbeet alle Branchen betreffen – von der Automobilindustrie bis zum Maschinenbau.

ZEIT ONLINE: Sind schon Arbeitsplätze verloren gegangen?

Cordes: Das lässt sich nicht sagen, weil wir noch recht früh im Jahr sind. Ich vermute: eher nein. Denn global gesehen ist die deutsche Exportentwicklung einigermaßen okay. Die Manager in den Unternehmen wissen um die Konsequenzen, wenn das Geschäft lahmt. Es ist aber nicht so, dass jedes Anzeichen sofort zu Personalmaßnahmen führt. Die nächsten Wochen entscheiden, ob das Gespenst der Wirtschaftssanktionen verschwindet und wir auf eine belastbare politische Lösung vertrauen können.

ZEIT ONLINE: Was hat die Unsicherheit für Konsequenzen?

Cordes: Die Ukraine-Krise ist absolutes Gift für die dortige Wirtschaftsentwicklung. Auch der russische Konsument weiß, dass Sanktionen in der Luft hängen. Er fragt sich: Muss ich das Auto heute kaufen oder warten wir noch ein halbes Jahr? Auch Firmen verschieben Investitionsentscheidungen.

ZEIT ONLINE: In Brüssel beraten die 28 EU-Staaten über schärfere Sanktionen. Wie stark ist Ihr Vertrauen, da gehört zu werden?

Cordes: Das Ganze ist eine politische Entscheidung. Wir wollen nicht beeinflussen. Aber wir wollen sichergehen, dass alle Aspekte in so einem komplexen Fall berücksichtigt werden. Deshalb versuchen wir klarzumachen, welche Konsequenzen solche Entscheidungen haben. Das geht nicht nur uns so: In den USA hat die Wirtschaft jetzt in Zeitungsanzeigen erstmals öffentlich ihre Regierung vor Sanktionen gewarnt.

ZEIT ONLINE: Nun sind andere europäische Länder weniger zimperlich, was weitere Geschäfte mit Russland angeht. Wozu führt das?

Cordes: Wir sehen hier ganz einfach unterschiedliche Haltungen. Beim Internationalen Wirtschaftsforum im Mai in St. Petersburg war neben mir nur ein Vorstandschef eines deutschen Großunternehmensdabei: Metro-Chef Olaf Koch. Frankreichs Manager sind in voller Mannstärke aufmarschiert. Frankreich verkauft Russland derzeit sogar ein Kriegsschiff. In Paris sagt man sich: Die Sanktionen gelten ja noch nicht. 

ZEIT ONLINE: In der Konsequenz dürften Länder wie Frankreich Deutschland Geschäfte wegschnappen.

Cordes: Das ist bisher nicht passiert, die deutsche Wirtschaft ist in Russland gut aufgestellt. Dies haben wir vor Kurzem im Ost-Ausschuss-Präsidium diskutiert. Aber die Gefahr besteht durchaus.