Steinkohlekraftwerk Mehrum/Niedersachsen © Julian Stratenschulte/dpa

Norbert Pohlmann kennt es genau, das entschlossene "Ja, aber". Der Mann ist Betriebsratschef der Tagebau-Sparte im RWE-Konzern. Er steht für die konventionelle, die alte Form der Energieerzeugung, also für Strom aus Kohle und Gas. Alles Brennstoffe, die Deutschland fast vollständig aus dem Energiemix verbannen will – 2050 will die Regierung bei mindestens 80 Prozent Ökostrom landen.

Die Mehrheit der Deutschen will das auch so. Und die Regierung, schließlich hat sie den Atomausstieg beschlossen und sich die Klimaschutzziele gesetzt. Pohlmann will eigentlich auch die Energiewende. Aber so langsam wird sie zum Problem. "Wir werden immer stärker verteufelt", sagt er über sich und seine Kollegen. Ja, man unterstütze die Energiewende. Aber ohne die großen Einheiten, ohne flexible Steinkohlekraftwerke und das Grundrauschen von Braunkohlekraftwerken, sei die Wende mittelfristig nicht zu stemmen.

Als Betriebsrat ist Pohlmann an den Sparkurs gewöhnt. Das Nettoergebnis von RWE ist im ersten Quartal um mehr als ein Viertel eingebrochen, auf 995 Millionen Euro. Die Schulden sind dagegen auf beeindruckende 31 Milliarden gestiegen. RWE-Chef Peter Terium verordnet seinem Konzern eine Rosskur, will Tausende Stellen einsparen. Das jüngste Programm, das RWE aufgelegt hat, nennt sich Neo. 937 Arbeitsplätze hat RWE im Zuge von Neo bereits eingespart, das nächste Sparprogramm ist bereits angekündigt. Von den Konzernvorständen fordert Pohlmann am Mittwoch auf einer Betriebsratstagung in Berlin mehr "als immer neue Programme mit Kostensenkungen und Personalabbau".

Es ist der Strukturwandel, der in voller Wucht die Energiebranche trifft. Die Strompreise an der Börse brechen ein. Ökostrom hat prinzipiell Vorfahrt, das hohe Angebot sorgt immer häufiger für negative Strompreise. Teilweise erhalten Kunden sogar Geld, damit sie ihn abnehmen. Verdienen lässt sich also mit Stromproduktion kaum etwas. Zudem sind die Preise für CO2-Zertifikate eingebrochen. Sie dümpeln wegen eines Überangebots bei gerade einmal 5,50 Euro je CO2-Zertifikat vor sich. Das ist viel zu niedrig, um einen Wechsel zu klimafreundlichen Energien anzustoßen.

Tausende Stellen gestrichen

Die Entwicklungen zwingen sogar die großen Stromversorger in die Knie, so auch E.on und erst recht den Vattenfall-Konzern, der in Ostdeutschland vor allem auf Braunkohle setzt. Im vergangenen Jahr hat E.on in Deutschland jede dritte Stelle gestrichen, jetzt arbeiten noch 12.400 Menschen für den Konzern. Ob die Mitarbeiter wegen der Energiewende gehen mussten oder weil Kraftwerke einfach ihr Betriebsende erlangt haben, ob auch in der Verwaltung Stellen gestrichen wurden: Diese Details nennt Konzernbetriebsrat Eberhard Schomburg nicht. 

Auch er klagt mit einem gewichtigen "Ja, aber" über die Energiewende: Ja, man wolle sie. Aber nicht so, wie sie gerade verlaufe. "Wir wollen die Energiewende mitgestalten, nicht ihr zum Opfer fallen", sagt er. Die Zukunft sieht E.on-Chef Johannes Teyssen in den Erneuerbaren. Dort wird zumindest noch investiert. Neue Stellen aber werden auch hier nicht geschaffen. Das gilt auch für das große Bild: Nach einer vorläufigen Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums sind die Investitionen in Ökostromumlagen im Jahr 2013 um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen.