Goldmine in Chudja im Nordosten des Kongo © Lionel Healing/AFP/Getty Images

Die junge Frau kam auf ihn zu und schlug Justin Nkunzi Baciyunjuze einfach ins Gesicht. Rechts, links, rechts, mit der flachen Hand. "Sie war monatelang von Männern entführt, in einer Mine versklavt und vergewaltigt worden", sagt Nkunzi leise. "Als sie mich sah, dachte sie, ich sei einer von ihnen."

Er sitzt in einem Konferenzraum in Hamburg, ein etwas untersetzter Herr, das kurzgeschorene Haar leicht ergraut. Mit der katholischen Entwicklungsorganisation Missio ist er nach Deutschland gekommen. Nkunzi ist Priester im Osten des Kongos, in Buvaku an der Grenze zu Ruanda, am südlichen Ende des Kivu-Sees. 16 Traumazentren hat er dort aufgebaut, Fluchtorte für die Opfer des Bürgerkriegs, der den Kongo seit mehr als einem Jahrzehnt im Griff hat: gefolterte Männer, traumatisierte Kinder, vergewaltigte Frauen.

Bis vor Kurzem hätten die Schläge der Kongolesin ganz andere Leute treffen müssen: Rebellen und Soldaten, Schmuggler, Zwischenhändler, Manager von Weltkonzernen wie Apple, Amazon, Google oder Ford. Alle diejenigen also, die von den illegal in der Demokratischen Republik Kongo geförderten Rohstoffen profitieren. Doch manchmal kommt der Umschwung im Kleindruckten daher. Glaubt man Nichtregierungsorganisationen, ist das gerade der Fall. Für sie ist New York das Zentrum der Wende im Kongo, ihr mächtigster Verbündeter die amerikanische Börsenaufsicht SEC. 

Eine Flut an Berichten

Wer verstehen will, warum Nkunzi darauf hofft, dass die New Yorker Börsenpolizei seine Heimat aus ihrer verzweifelten Lage befreit, findet die Antwort in einem Gesetz, das eigentlich dazu gedacht war, die Finanzkrise zu bewältigen. Die Regierung Obamas beschloss den Dodd-Frank-Act 2010. Nun entfaltet er Wirkung.

Rund 6.000 Unternehmen müssen in diesen Tagen erstmals offenlegen, ob sie Rohstoffe aus dem Bürgerkriegsland Kongo beziehen. Ihre Berichte sind Dokumente mit vielen Paragrafen, verfasst von Unternehmensberatungen und Anwälten, die letztlich alle um eine Frage kreisen: Kommt das Gold, Zinn, Wolfram und Coltan in den Handys, Laptops und Flachbildschirmen der westlichen Konzerne noch immer aus den wilden Minen des Kongos? Aus jenen Minen also, mit deren Ausbeutung seit Jahren verschiedenste Rebellengruppen den Kampf gegen die Regierung in Kinshasa und untereinander finanzieren?

Etwa 1.500 Berichte sind bis zum Wochenbeginn bei der SEC eingegangen. Sie sind Fortschritt und Offenbarungseid zugleich. Ein Fortschritt deshalb, weil nun erstmals nachzulesen ist, ob Unternehmen sogenannte Konfliktmineralien aus dem Kongo und sieben weiteren Krisenstaaten in Zentralafrika in den eigenen Produkten verwenden. Ein Offenbarungseid, weil die Berichte zeigen, dass viele Konzerne bis heute nicht wissen, woher ihre Rohstoffe stammen. Die Dokumente belegen zugleich, wie leicht es über Jahre für Rebellengruppen möglich war, schmutzige Rohstoffe an den Westen zu verkaufen. 

Wem gehört der Reichtum des Landes?

Bukavu ist der Hauptort der Provinz Süd-Kivu, wichtiger Standort der UN-Friedenstruppen im Land, Wirtschaftszentrum der Region, bekannt wegen seiner Brauerei. In den vergangenen fünfzehn Jahren war die Stadt immer wieder Schauplatz heftiger Kämpfe. Vielerlei Interessen sind in diesen Konflikten ineinander geflossen, von Nachbarländern wie Uganda, Ruanda und Burundi, von mehreren Dutzend verschiedenen Rebellengruppen und einer schwachen Zentralregierung in der Hauptstadt Kinshasa. Doch letztlich geht es immer um die Frage: Wem gehört der Reichtum des Landes? Gestritten wird um Landrechte und um Rohstoffe.

Nkunzi will sich nicht mit dem Krieg abfinden. Seine Traumazentren in den Dörfern im Distrikt Walungu südlich von Bukavu haben den Auftrag, sich seelisch versehrter Menschen anzunehmen, sie zurückzuführen in den Alltag, aus einer Zeit, die der blanke Horror war. Meist abends oder in der Nacht wurden ihre Weiler überfallen. Jedes Mal plünderten die Kämpfer die ärmlichen Behausungen, trieben Frauen und Mädchen aus den Hütten. Dann luden sie ihnen ihre Beute auf, scheuchten sie viele Kilometer weit durch das Busch- und Waldland bis zu ihren Lagern.

Wer nicht vergewaltigt wurde, musste in den Minen schuften, Gold waschen oder mit einfachstem Werkzeug Coltanbrocken aus der Erde meißeln. "Einige erzählen, dass Helikopter kamen, die Essen und Kleidung brachten und die Erzsäcke mitnahmen. Und dass da schwarze und weiße Männer darin saßen", sagt Nkunzi. Manche berichten, dass die Rohstoffe über Ruanda oder Uganda in asiatische Schmelzöfen gebracht werden und von dort auf die internationalen Rohstoffmärkte gelangen. Genau weiß das im Kongo aber niemand.