Mitte Mai schickte die US-Börsenaufsicht SEC einen Warnbrief an die Wall Street. "Angesichts der Aufmerksamkeit, die Unternehmen im Marihuana-Geschäft zuletzt bekommen haben, raten wir Anlegern dringend, bei Investitionen in dem Bereich besonders vorsichtig zu sein", hieß es darin. Die Aktie von Fusion Pharm sei zudem ab sofort vom Parkett verbannt.

Die Firma aus Denver in Colorado (Werbeslogan: "Let's grow together") verkauft Gewächshäuser zum Stückpreis von bis zu 45.000 Dollar, jedes einzelne so groß wie ein Schiffscontainer. Die SEC warnte, dass Angaben zum Umsatz, zu Vermögenswerten und Transaktionen zu ungenau seien. Fusion Pharm ist damit bereits die fünfte Firma innerhalb von zwei Monaten, welche die Aufsicht vorübergehend vom Handel ausschließt.

Bei vielen Spekulanten wird die Warnung trotzdem nicht ankommen. Denn die Marihuana-Euphorie zwischen West- und Ostküste ist ungebrochen. Gleich zwanzig Bundesstaaten und der District of Columbia haben Marihuana inzwischen für den medizinischen Gebrauch legalisiert. In weiteren Staaten, darunter Florida, stimmen in den kommenden Monaten die Wähler über entsprechende Pläne ab. Rund ein Dutzend Lobbyverbände der Cannabis-Unternehmer trommeln bereits in Florida für die Freigabe und pumpen enorme Summen in den Wahlkampf.

Steuerbehörden freuen sich über Cannabis-Steuer

Ihr Vorbild ist Colorado, das als erster US-Staat den Verkauf von Cannabis liberalisiert hat: Hier können Bürger seit Januar Cannabis legal und ohne ärztliches Rezept kaufen. "Colorado hat einen erfolgreichen Start hingelegt", sagt Matt Kumin, Rechtsanwalt aus San Francisco, der sich seit Jahren mit der Branche beschäftigt. Im April setzte die Gras-Industrie hier rund 22 Millionen US-Dollar mit Marihuana für den privaten Gebrauch um – gegenüber dem Vormonat ist das ein Plus von 17 Prozent. Hinzu kommt das Geschäft mit Cannabis, das vom Arzt verschrieben und für medizinische Zwecke gedacht ist. Es brachte der Branche im April sogar Einnahmen von 32 Millionen Dollar. Die Steuerbehörden des Bundesstaates können sich freuen: Die Einnahmen liegen laut Schätzungen allein im April bei 5,3 Millionen Dollar. Rechnet man alle Steuern, Gebühren und Lizenzzahlungen hinzu, kommt der Staat sogar auf Einnahmen von 17,9 Millionen Dollar.

Im Juli werden auch im Bundesstaat Washington alle Hürden fallen. Schon jetzt liegen dem Staat rund 7.000 Anträge von Jungunternehmen vor, die Teil des grünen Rausches sein wollen. Landesweit könnte der Markt im kommenden Jahr um 64 Prozent wachsen. Bis 2018, schätzt das Marktforschungsunternehmens Arc View Group, dürfte das Gesamtvolumen der Branche auf 10,2 Milliarden Dollar steigen. 

Im grünen Rausch

Kaum überraschend, dass sich längst eine Rauschmittelindustrie entwickelt. Immobilienunternehmen wie Cannabis-RX investieren in Gebäude, die sie an Marihuana-Produzenten vermieten, Investorengruppen wie die Arc View Group bieten finanzielle Starthilfen für junge Firmen. Neue Produkte wie elektronische Joints drängen auf den Markt. Auf Internetportalen wie Leafly und Weedmaps können Nutzer nach dem nächstgelegenen Shop suchen und Bewertungen schreiben, Tausende Läden sind bereits gelistet. Marktführer Leafly hat nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Besucher im Monat.

Für Aufsehen sorgte auch der Gründer von Weedmaps, Justin Hartfield. Er kündigte vollmundig im Wall Street Journal an, der "Philip Morris der amerikanischen Marihuana-Industrie" werden zu wollen. Der 30-Jährige Kalifornier vergleicht das heutige Marihuana-Geschäft mit den Zwanziger und Dreißiger Jahren, als Herstellung und Verkauf von Alkohol in den USA verboten waren. Wer schon damals im Untergrund in Alkohol investiert habe, hätte nach dem Ende der Prohibition das große Geschäft gemacht. Cannabis, ist nicht nur Hartfield überzeugt, sei die bestmögliche Investmentidee des kommenden Jahrzehnts.