Thomas Piketty - "Ungerechte Einkommensverteilung gefährdet die Demokratie"

ZEIT ONLINE: Herr Piketty, würden Sie sich selbst als reich bezeichnen?

Thomas Piketty: Ich habe über die Jahre gut verdient und ein wenig Vermögen angesammelt. Aber reich? Mit Sicherheit gehöre ich einer privilegierten Minderheit an. Ich kann meine Miete zahlen und mit meinen Kindern Urlaub auf der anderen Seite der Erde machen.

ZEIT ONLINE: In ihrem Buch Capital in the 21th Century sind die Reichen dieser Welt unser größtes Problem.

Piketty: Um es klar zu sagen: Ich habe nichts gegen Geld und Reichtum. Ich will nur sicherstellen, dass mehr Menschen Zugang zu guten Arbeitsplätzen haben und die Chance bekommen, selbst Vermögen aufzubauen, auch wenn sie keinen Bestseller schreiben.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren die zunehmende Konzentration von Kapital in der westlichen Welt und warnen vor einer wachsenden Vermögens- und Einkommensungerechtigkeit. Warum ist das ein Problem, wenn es der Mehrheit doch noch ganz gut geht?

Piketty: Mein Hauptargument ist: Es gibt keine Kraft, die verhindert, dass die ungerechte Verteilung ins Extreme abgleitet. Vor allem in den USA ist die Entwicklung kritisch. In Europa ist das Problem weniger gravierend. Hier existieren ein Sozialstaat, ein vernünftiges Steuersystem und eine bessere Kontrolle der Parteienfinanzierung. Das alles setzt dem Auseinanderdriften der Gesellschaft Grenzen. Aber auch wir in Europa müssen aufpassen, dass wir keine amerikanischen Verhältnisse bekommen.

ZEIT ONLINE: Sie sind sehr pessimistisch, was die kommenden Jahrzehnte betrifft. Ihrer Formel zufolge ist die Kapitalrendite immer höher als das Wirtschaftswachstum (siehe Infobox). Stimmt das, wird die Ungleichheit weiter zunehmen?

Ungleichheit ist nicht per se negativ

Piketty: Ich behaupte nicht, dass es genau so und nicht anders kommen wird. Eine Prognose über die kommenden Jahrzehnte ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. Die Kapitalrenditen müssen nicht so hoch bleiben und das Wirtschaftswachstum kann wieder zulegen und damit die Ungleichheit reduzieren. Aber es gibt ein Risiko, dass sie weiter steigt, dessen müssen wir uns bewusst sein.

ZEIT ONLINE: Ist Ungleichheit immer etwas Schlechtes oder ist sie nicht auch eine Triebfeder unseres Wirtschaftssystems?

Piketty: Ungleichheit ist nicht per se negativ, es kommt immer auf das Ausmaß an. Bis zu einem gewissen Grad ist sie sogar von Vorteil – für Wachstum und Innovationen beispielsweise. Aber wenn sich die Schere zu weit öffnet, dann schadet das einer Gesellschaft. Es gefährdet die Wachstumsperspektiven und damit den Wohlstand eines Landes. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Vermögen der weltweit reichsten Menschen wachsen dreimal so schnell wie die Durchschnittseinkommen. Das kann doch keine gute Entwicklung sein. Am Ende bedroht das die Grundfesten unserer Demokratie.

ZEIT ONLINE: Angesichts dieser negativen Entwicklung: Vermissen Sie manchmal einen Aufschrei, gerade der Jugend? Ihr Landsmann Stéphane Hessel hat 2011 die Jugend in seinem Aufsatz Empört Euch zu mehr Widerstand aufgerufen.

Piketty: Man muss kein Fan von Stéphane Hessel sein, um zu erkennen, dass die Entwicklung problematisch ist. Einige wenige Reiche könnten rein theoretisch in 30 bis 40 Jahren fast das komplette weltweite Vermögen besitzen. Es kann nicht sein, dass die Mittelklasse nur sehr wenig und die Armen gar nichts besitzen.

ZEIT ONLINE: Sie schlagen eine weltweite Vermögensteuer vor, glauben aber gleichzeitig nicht daran, dass sich die internationale Gemeinschaft darauf einigt. Können wir überhaupt etwas tun?

Piketty: Zwischen Nichtstun und einer globalen Vermögensteuer gibt es viel Spielraum. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn wir mehr Transparenz herstellen würden. Wir wissen zum Beispiel fast nichts über die Einkommensentwicklung von Menschen, die zwischen zehn und 100 Millionen Dollar besitzen. Es gibt zwar einige wenige Berichte, aber die basieren meist auf Selbstauskünften und sind deshalb wenig verlässlich. Was wir sagen können ist: Ihr Vermögen wächst offenbar viel schneller als das der Mittelklasse.