ZEIT ONLINE: Frau Meyer, wir haben die Leser von ZEIT und ZEIT ONLINE gebeten, uns über ihre Erfahrungen mit Pflegeheimen in Deutschland zu berichten. Ein Ergebnis: Es gibt offenbar zu wenig Fachpersonal in den Pflegeheimen. Ein Pflegeschüler soll eine Schichtleitung übernommen haben. Eine Fachkraft sei nachts für 86 Bewohner zuständig – allein. Sind das Einzelfälle oder gibt es ein strukturelles Problem?

Gabriele Meyer: In den Pflegeheimen gibt es wirklich sehr knapp bemessenes Fachpersonal. Das ist auch gesetzlich so vorgesehen: Nur 50 Prozent der Mitarbeiter müssen ausgebildetes Fachpersonal sein. Und selbst diese Quote mag einigen Heimbetreibern noch als zu hoch erscheinen. Aber zu Ihren Beispielen: Für 86 Bewohner reicht niemals nur eine Nachtwache. Eine Pflegekraft kann immer gebunden sein, etwa weil sie einen Sterbenden begleitet oder weil jemand gestürzt ist. Wenn der Fall so stimmt, ist das natürlich ein unhaltbarer Zustand.

ZEIT ONLINE: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Probleme?

Meyer: Das aktuelle System bindet Arbeitszeit falsch. Nehmen Sie die diversen Risikoeinschätzungen, zu denen die Mitarbeiter angehalten sind. Eine Pflegefachkraft muss beispielsweise einschätzen und dokumentieren, wie hoch das Sturzrisiko eines Bewohners ist. Warum? Diese Dokumentation ergibt keinen Sinn. Wir können gewiss sein, dass jeder bewegungsfähige Bewohner eines Pflegeheims ein erhöhtes Sturzrisiko hat. Das Ausfüllen eines strukturierten Risikoeinschätzungsbogens bringt hier keinen zusätzlichen Informationsgewinn.

ZEIT ONLINE: Was genau wird da überprüft?

Meyer: Es werden eine Vielzahl von Fragen gestellt: Wie gut kann der Bewohner noch sehen? Wie gut kann er sein Gleichgewicht halten? Welche Medikamente nimmt er? Dabei haben wir in einer früheren Studie gezeigt, dass das Ankreuzen eines Sturzrisikoformulars keinerlei Folgen für die Praxis hat. Gehandelt wird nicht gemäß Formulareinschätzung, sondern nach pflegerischer Einschätzung. Es ist doch verrückt: Der Arzt dokumentiert, die Pflegefachkraft, der Ergotherapeut, der Physiotherapeut, zum Teil passiert das doppelt oder gar ohne gegenseitige Kenntnis: Aber die Bewohner haben dadurch nicht unweigerlich Gesundheitsvorteile, weil sich durch die vielen Kreuze nichts ändert. Stattdessen hält man die Fachkräfte von der eigentlichen Arbeit ab.

 ZEIT ONLINE: Die Entbürokratisierung der Pflege ist ein großes Thema in der Politik. Es gibt Expertengruppen, sogar eine Ombudsfrau. Warum passiert nichts?

Meyer: Fortschritte werden auch durch die regelmäßige Prüfung der Einrichtungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) verhindert. Der fragt ab, ob die Pflegekräfte regelmäßig Einschätzungen der diversen Gesundheitsrisiken vorgenommen haben, zum Beispiel die Einschätzung des Risikos für Dekubitus, also Druckgeschwüre. Falls nicht, gibt es eine schlechte Note für die "Pflege und medizinische Versorgung" – selbst wenn es nicht ein einziges Druckgeschwür in dem Heim gibt.

Der ausgefüllte Bogen zur Risikobewertung wird höher bewertet als der tatsächliche Zustand des Patienten.
Gabriele Meyer

Wenn die Risikoeinschätzung aber vollständig ist und angemessene Dokumentation der Wunden hinterlegt wurden, dann kann die Einrichtung in diesem Punkt gut bewertet werden – selbst wenn Bewohner viele Druckgeschwüre haben. Das ist doch absurd. Der ausgefüllte Bogen wird höher bewertet als der tatsächliche Zustand des Patienten.

 ZEIT ONLINE: Aber alle Beteiligten, ob Medizinischer Dienst oder Pflegekassen, sind sich ja einig, dass das vollkommen irre ist.

Meyer: Es ändert sich aber nichts. Das Gesundheitssystem, und dazu zählt ja die Altenpflege, ist ein sehr schwerfälliges System. Ihm ist einfach nicht beizukommen. Außerdem: Eine große Gruppe von Personen steht in Lohn und Brot. Würde man das ganze Verfahren der Einschätzung durch den Medizinischen Dienst kippen oder simplifizieren, dann würde ein ganzes System zusammenbrechen. Daran hat der MDK selbstredend kein Interesse.

ZEIT ONLINE:  Aber die Politik könnte sich ja einmischen – zum Wohl der Alten.

 Meyer: Auch die Politik scheint nicht wirklich daran interessiert, am Status Quo etwas zu verändern. Jeder Gesundheitsminister der vergangenen Jahre hat einschlägige Reformen angekündigt, aber dann ist leider wenig passiert. Auch bei unserem aktuellen Gesundheitsminister Hermann Gröhe müssen wir erst einmal abwarten.