Impfung beim Kinderarzt: In Ostdeutschland könnten die Wege zur Praxis weit werden. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wer kranke Kinder hat, sollte sich überlegen, ob er künftig noch in Ostdeutschland auf dem Land leben will. Das gleiche gilt für Frauen. Und für Sehschwache. Denn wenn man den Zahlen des "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann-Stiftung und des IGES Institut Berlin glaubt, werden künftig die Wege zu Kinderärzten, Gynäkologen und Augenärzten in vielen östlichen Landkreisen noch weiter, als sie ohnehin schon sind. Und das liegt nicht nur an den Ärzten, die dort nicht praktizieren wollen. Sondern an den Planern des Gemeinsamen  Bundesausschusses von Ärzteschaft und Krankenkassen.

Seit 2013 gilt eine neue Bedarfsplanungsrichtlinie. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich ein Schlüssel, nach dem Kassenarztsitze über Deutschland verteilt werden. Die Richtlinie regelt, wie viele Ärzte einer Fachrichtung sich in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt niederlassen dürfen. Sie orientiert sich an der Einwohnerzahl. Je Arzt muss eine bestimmte Anzahl von Einwohnern vorhanden sein - in Städten und Großstädten weniger als auf dem Land. 

Die Richtlinie geht auf das Landärztegesetz zurück, dass vor zwei Jahren beschlossen wurde. Sein erklärtes Ziel war es, den Ärztemangel auf dem Land zu bekämpfen. "Gelungen ist das höchstens in Ansätzen. Im Wesentlichen verfehlt das Landärztegesetz sein Ziel", sagte Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung.

Bei Kinderärzten rechnet die Richtlinie in einer Großstadt beispielsweise mit einem Arzt für 2.405 Einwohner. Auf dem Land kommt ein Pädiater auf 3.859 Einwohner. Noch größer ist der Unterschied bei Augenärzten. Da gelten folgende Verhältnisse. Stadt: 1 zu 13.399. Land:  1 zu 20.664.

Begründet wird dieser Unterschied damit, dass viele Menschen aus dem Umland in die Städte fahren, um sich dort behandeln zu lassen. Die Stadtärzte hätten also deutlich mehr Patienten zu versorgen, als die Einwohnerzahl vermuten lasse. Auch die aktuelle Altersstruktur (bei Kinderärzten werden etwa nur Einwohner bis 18 Jahre eingerechnet) und das Geschlecht (etwa bei Frauenärzten) spielen eine Rolle.

Die Forscher der Bertelsmann-Stiftung und IGES halten diese Kriterien aber für viel zu grob. Um den tatsächlichen Ärztebedarf der Bevölkerung zu messen, haben sie deshalb einen Bedarfsindex gebildet, in den weitere Faktoren einfließen: Das Durchschnittsalter nach Geschlecht, die Arbeitslosenquote, das Haushaltseinkommen, die Zahl der Pflegebedürftigen, die Sterberate.

Auf diese Weise versuchen die Forscher, der Lebenssituation der Patienten näherzukommen: Arbeitslose oder Menschen mit niedrigem Einkommen sind wesentlich weniger mobil als andere – sie fahren also nicht ohne Weiteres in die Stadt, um dort zum Arzt zu gehen. Wo die Zahl der Pflegebedürftigen hoch ist, braucht es mehr Mediziner, ebenso dort, wo viele alte Menschen leben. Frauen zwischen 18 und 45 Jahren gehen am häufigsten zum Gynäkologen, ältere Frauen eher selten.

Umgelegt auf alle Städte und Landkreise der Republik zeigt sich ein alarmierendes Bild: Die offizielle Bedarfsplanung geht an den tatsächlichen Notwendigkeiten vorbei. Zudem praktiziert etwa ein Drittel der Kinder-, Frauen- und Augenärzte in Großstädten, obwohl hier nur ein Viertel der Bevölkerung lebt.     

Besonders drastisch zeigt sich das Missverhältnis bei Kinder- und Frauenärzten in vielen Regionen Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens, aber auch rund um Berlin und im östlichen Niedersachsen. Wesentlich besser versorgt sind dagegen weite Teile Bayerns und Baden-Württembergs.

So liegt beispielsweise in Baden-Württemberg die Dichte der Gynäkologen in 17 von 44 Kreisen deutlich über dem Bedarf. In Thüringen sind dagegen 16 von 23 Kreisen deutlich unterdurchschnittlich versorgt.  

Lediglich bei den Hausärzten entspricht die Planung etwa dem Bedarf. Die Forscher führen das darauf zurück, dass hier in kleineren Einheiten geplant wird und es eine bundesweit einheitliche Verhältniszahl von 1.671 Einwohner je Hausarzt gibt.

Patienten auf dem Land werden aber deshalb kaum schneller zu einer offenen Praxis zu kommen. Denn alle Zahlen, welche die Forscher vorgelegt haben, sind Planzahlen. Ob sich ein Arzt tatsächlich auf dem ostdeutschen Land niederlässt, wenn dort mehr Kassensitze eingerichtet werden, ist längst nicht gesagt. Die meisten Mediziner zieht es in die Ballungsräume. Schon heute gelingt es vielen Landärzten nicht mehr, im Alter Nachfolger für ihre Praxen zu finden – egal, was die Funktionäre geplant haben. 

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