Von dem Termin nahm kaum jemand Notiz. Als Deutschland und Peru am Montag ein umfassendes Abkommen unterzeichneten, das der Wirtschaft Zugang zu Silber- und Kupfervorräten des Andenstaates sichert, taugte das im politischen Berlin nur für wenige Agenturzeilen. Dabei war dies erst die dritte Rohstoff-Partnerschaft, die Deutschland mit einem Land unterzeichnen konnte – nach der Mongolei und Kasachstan. Die eher achselzuckende Kenntnisnahme hat sicher zum einen damit zu tun, dass sich deutsche Firmen derzeit zu akzeptablen Preisen mit Zink und Kupfer am Markt eindecken können. Das Thema ist schlicht nicht mehr so brisant. Zum anderen ist der Vertrag mit Peru nur einer von vielen, die geschlossen wurden, um den Handel zu erleichtern.

Die Wucht, mit der die Kritik an TTIP anhält, ist darum der absolute Sonderfall. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA mobilisiert so ziemlich jede gesellschaftliche Gruppe: von Schriftstellern über Bauern bis zu Lehrern. In der Debatte über Chlorhühnchen und Genmais wird allerdings schnell vergessen, dass ganz ähnliche Abkommen das Leben der Deutschen schon seit Jahrzehnten prägen – ebenfalls geheim verhandelt, ebenfalls mit dem umstrittenen Investitionsschutz.

"In der Bedeutung kommt zwar keines der Abkommen an TTIP heran", sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel mit Blick auf die Dimensionen: TTIP würde die größte Freihandelszone der Welt schaffen. Doch der Handelsexperte verweist auf rund 500 regionale und bilaterale Abkommen, die weltweit den Handel zwischen Volkswirtschaften erleichtern. Das Handelsabkommen, eigentlich ein Sonderfall, ist aus der globalisierten Wirtschaft nicht mehr wegzudenken: "Die eigentliche Ausnahme ist zur Regel verkommen", sagt Langhammer.

Diese Verträge gibt es zwischen den großen Volkswirtschaften, aber auch mit ökonomischen Zwergen wie Mazedonien, Andorra oder Sambia. Seien es Elektrogeräte, Fischmehl, Rasenmäher oder Poloshirts: Handelsverträge sorgen maßgeblich dafür, dass unsere Regale so bunt – und bezahlbar – gefüllt werden können. Für Deutschland wichtige Verträge wurden in letzter Zeit mit Südkorea, Mexiko und Kanada abgeschlossen.

Der ganze Aufwand – zum Teil wird jahrelang um Paragraphen gerungen – geschieht nicht nur aus rein wirtschaftlichen Gründen. Auch geostrategische und politische Überlegungen spielten eine große Rolle, sagt Gabriel Felbermayr vom ifo Institut in München. So seien die Verträge mit den ehemaligen Ostblockstaaten Ukraine oder Moldawien zwar politisch wichtig, seien ökonomisch aber nachrangig. "Moldawien hat einen sehr kleinen Markt und ist ein failed state", urteilt Felbermayr. Und auch die größere, aber marode Volkswirtschaft Ukraine sei als Absatzmarkt eher uninteressant.

Seit Einrichtung der Europäischen Zollunion Ende der sechziger Jahre handelt die EU-Kommission fast alle Verträge für Deutschland aus. Doch auch wenn die Bundesregierung, wie im Falle von TTIP, formal nicht mit am Verhandlungstisch sitzt: Die größte Volkswirtschaft der EU hätte genügend Gewicht, um das ganze Projekt zu kippen. Doch die wohl wettbewerbsfähigste und am stärksten auf den Außenhandel ausgerichtete Wirtschaft des Kontinents hat keinerlei Interesse, irgendein Handelsabkommen zu blockieren. Noch immer sind die USA Deutschlands wichtigster Exportmarkt außerhalb der EU mit einem Warenvolumen von rund 88 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Alles, was dabei Entlastungen und zusätzliche Chancen bringt, hat Auswirkungen auf das deutsche Wachstum und die Beschäftigung.

Freihandelsabkommen haben vor allem zwei Effekte: Zum einen wird eine Produktion im eigenen Land durch Importe ersetzt, die auswärts günstiger hergestellt werden können – der Fachmann spricht von Effizienzgewinnen. Land A kann Autos günstig bauen, Land B hat sich auf die Handyproduktion spezialisiert. Werden die Waren gehandelt und die eigene Produktion eingestellt, gewinnen unter dem Strich beide. Zugleich haben Handelsabkommen aber immer auch negative Effekte, denn Handelsströme werden umgelenkt. Vielleicht hat Land C Autos bislang noch günstiger als A hergestellt. Weil zwischen A und B nun aber (zum Beispiel) Zölle wegfallen, sind die Pkw aus A nun mit einem Male günstiger.

Beide Effekte treten bei praktisch jedem Handelsabkommen auf. Die Frage ist: Welcher überwiegt? "Je wichtiger die Region und ihr Anteil am Weltmarkt ist, desto eher überwiegt der Effizienzeffekt", sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.