Der Dow Jones hat am Freitag die Marke von 17.000 Punkten geknackt. Ein neuer Rekord für einen der wichtigsten amerikanischen Aktienindizes. Selten waren die Anleger derart entspannt und optimistisch. Für Skeptiker ist es jedoch die Ruhe vor dem Sturm. Selbst die US-Notenbanker warnen schon, die Investoren sollten sich doch bitte nicht zu sicher fühlen. Einige Analysten sehen die Gefahr eines Schocks auf dem Ölmarkt, der einen größeren Crash auslösen könnten. Egal, ob die düsteren Prognosen eintreffen: Tatsache ist, dass selbst eine Korrektur gefährlich werden kann. Denn die Struktur der Aktienmärkte ist so fragil wie seit Jahrzehnten nicht.

Die Veränderung ist an der New York Stock Exchange am sichtbarsten. Früher, wenn der Dow Jones sich anschickte, eine historische Marke zu nehmen, hatte schnell einer der Händler auf dem Parkett Baseball-Mützen oder Brillen mit dem neuen Rekordstand organisiert – dieses Mal bastelten nur ein paar Broker handschriftliche Zettel. Aber früher wandelten auf dem Parkett auch ein paar Tausend Händler und Kursmakler. Heute sind es noch ein paar Hundert. Die 222 Jahre alte Börse selbst ist vor einem Monat von einem elektronischen Konkurrenten, einem zwölf Jahre alten Start-up aus Atlanta namens ICE, übernommen worden.

Die New Yorker Börse ist symptomatisch für den ganzen Markt. Dabei geht es um mehr als das Schicksal der letzten Parketthändler. Die Liberalisierung und Digitalisierung der Finanzmärkte hat das einstige de-facto Monopol der Börse zerschlagen. Das hat, wie von den Reformern erhofft, mehr Wettbewerb und günstigere Preise für die Investoren gebracht. Noch nie waren die Kosten im Aktienhandel so gering – das gilt für Großinvestoren wie Kleinanleger. 

Der Aktienmarkt zerfällt

Doch es gibt eine Kehrseite: Dank des stärkeren Wettbewerbs zerfällt der Aktienmarkt in immer kleinere Teile. Es gibt neben den regulären 13 Börsen inzwischen rund 50 Aktienhandelsplattformen allein in den USA, auf denen über 50 Prozent des weltweiten Handels stattfinden. Gleichzeitig erfolgen die Transaktionen buchstäblich in Lichtgeschwindigkeit – derzeit experimentieren Händler sogar mit Laserübertragung, einer Militärtechnologie. Order flitzen in übermenschlicher Geschwindigkeit von Plattform zu Plattform und zurück. Marktteilnehmer wie Aufseher haben längst den Durchblick verloren. Gary Cohn, Chef des operativen Geschäfts bei Goldman Sachs, schrieb in einem viel beachteten Kommentar im Wall Street Journal alarmiert: "Unsere Betriebs- und Kontrollmechanismen sind der Geschwindigkeit und Komplexität unserer Märkte nicht angepasst."

Vergangene Woche schreckte Investoren die Nachricht auf, dass Eric Schneiderman, der Generalstaatsanwalt von New York, die britische Barclays Bank wegen angeblicher Manipulation in deren Dark Pool anklagt. Dark Pools wie der LX von Barclays sind exklusive Aktienhandelsplattformen, die es Kunden – vornehmlich Pensionskassen und Investmentfonds – erlauben, ihre Order anonym zu platzieren. Der Vorteil gegenüber einer regulären Börse, wo jeder Auftrag sofort publik gemacht wird: Die Investoren können größere Order ausführen, ohne dass diese von sogenannten Blitzhändlern bemerkt und ausgenützt würden. Die Ermittler werfen Barclays nun vor, statt die Investoren zu schützen, in Wirklichkeit Blitzhändlern Einblick in die Transaktionen im Dark Pool der Bank gegeben zu haben.

Doch es sind nicht allein solche Täuschungsmanöver, die Dark Pools ins Visier der Aufsicht bringen. Immer mehr Investoren ziehen sich in die Dunkelheit zurück. Rund 40 Prozent des Handelsvolumens in US-Aktien geht bereits an den Börsen vorbei. Etwa 15 Prozent davon findet anonym in Dark Pools statt. Auch in Europa, wo rund zehn Dark Pools um Kunden wetteifern, nimmt der Marktanteil der dunklen Handelsplätze rasant zu.