Das Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel © Sean Gallup/GettyImages

Den Verdacht wird die EU-Kommission nicht mehr los: Das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA diene allein den Interessen der Industrie – und schleife mühsam erstrittene Verbraucherrechte in Europa, heißt es von den Kritikern.

Gestützt wird diese These jetzt durch eine Erhebung der Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Observatory (CEO), die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt. Nach Zählung der Lobbykritiker wurden in der entscheidenden Vorbereitungsphase zum Abkommen, also im Jahr 2012 und Anfang 2013, vor allem Vertreter der Industrie in die Abteilung des europäischen Verhandlungsführers, Handelskommissar Karel De Gucht, vorgelassen. Gewerkschaften und Verbraucherschützer sind dagegen nur sehr selten zu Wort gekommen.

Der Erhebung zufolge fanden von insgesamt 560 Kontakten nur 26 mit Vertretern von Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), Verbraucherschutzorganisationen und Gewerkschaften statt. Dreimal kamen einzelne Behörden – wie Patentämter – zu Wort, sechsmal Vertreter öffentlicher Verwaltungen. Die absolute Mehrheit: Unternehmen mit ganzen 520 Kontakten. Als "Lobby-Kontakte" zählt die NGO die Teilnahme an öffentlichen Konsultationen und Diskussionsforen sowie Treffen mit EU-Vertretern hinter verschlossenen Türen.

Die Zahlen zeigen auch, welche Branchen sich besonders ins Zeug legen, damit ihre Interessen in Brüssel berücksichtigt werden. Es sind jene Verbände, deren Mitglieder ganz besonders vom Wegfall von angeblichen Handelshemmnissen profitieren würden: die Agrar- und Ernährungswirtschaft, daneben die Auto- und Chemieindustrie. Deren Vorstellungen sind allerdings selten geheim. Manche Lobbyisten agieren zwar im Verborgenen, viele gehen mit ihren Forderungen und Wünschen jedoch offen um. Die Wirtschaftsvereinigung Trans-Atlantic Business Council zum Beispiel hat ihre Forderungen auf ihrer Homepage aufgelistet.   

Die Erhebung spiegelt die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse zwischen Industrie und NGOs wieder. Finanzstarke Unternehmen leisten sich große Lobbybüros mit Juristen in Brüssel, kleine Vereine und Organisationen können sich das in der Regel nicht leisten. Die EU-Kommission würde die Wirtschaft  viel stärker einbinden, sagt CEO-Handelsreferentin Pia Eberhardt. Gewerkschaftler erhielten auf Fragen und Vorschläge nur Standardantworten. Die Industrievertreter würden dagegen zu Gesprächen eingeladen und ermuntert, doch bitte Ideen einzubringen. Eberhardt spricht von einer "selektiven Einbindung".