Russland will sich selbst helfen: Ein Stahlarbeiter in einem Werk in Krasnojarsk © Ilya Naymushin/Reuters

Bisher waren die westlichen Sanktionen gegen Russland nur Peanuts. Zumindest nannte der russische Handelsminister Denis Manturow sie Erdnüsse und fügte hinzu: "Ein heiliger Ort bleibt niemals leer: Wenn ein Markt sich schließt, öffnet sich ein anderer." Mit Selbstgewissheit reagieren Russlands Staatsfunktionäre auf jede neue Sanktionsrunde. "In ihrer jetzigen Form haben die Sanktionen keinen makroökonomischen Effekt", urteilte Andrej Bjeloussow, der Wirtschaftsberater des Präsidenten, Ende vergangener Woche.

Als Schutzmaßnahme propagiert die russische Führung das Ziel, autark zu werden. Sie möchte ein eigenes Zahlungssystem aufbauen, um dem Griff der US-Kreditkartenunternehmen zu entkommen. Am Montag verabschiedete Präsident Wladimir Putin ein Programm über eine Milliarde Dollar, das der Abhängigkeit der russischen Militärindustrie von Importen wie Hubschraubermotoren oder Flugzeugturbinen aus der Ukraine ein Ende setzen soll. "Wir können ganz sicher alles selbst machen", sagte Putin.

Das klingt gut für eine Bevölkerung, die im Mobilisierungszustand gehalten wird. Aber in Wirklichkeit bleibt Russland verletzlich in der globalisierten Welt. Die Sanktionen setzen eine Wirtschaft unter Druck, die schon zuvor auf eine  Stagnation zusteuerte, weil sie unter staatlicher Dominanz und Gängelung leidet, unter fehlender unternehmerischer Dynamik und ausbleibenden Investitionen.

Auf was sich die EU-Botschafter in Brüssel geeinigt haben, dürfte Moskau deshalb beunruhigen: Einschränkungen für den russischen Bankensektor, für den Verkauf von Hochtechnologie in der Öl- und Gasindustrie und einen Stopp der Rüstungslieferungen. Wenn die Maßnahmen vielleicht bereits am Freitag von den Staats- und Regierungschefs beschlossen werden, hat Europa die Sanktionsstufe 3 erreicht, um Russland zu einer Kooperation bei der Lösung des Ukraine-Konflikts zu bewegen. Bei solchen sektoralen Sanktionen könnte die russische Wirtschaft nach einer Rechnung von EUobserver in diesem Jahr 23 und im nächsten Jahr 75 Milliarden Euro verlieren. Die Einbußen für die europäischen Länder wären etwa gleich hoch.

Die Russen machen sich kaum Sorgen

Dass die Sanktionen Russland empfindlich treffen können, ist in der öffentlichen Diskussion kaum ein Thema. Nur der frühere Finanzminister Alexej Kudrin, dem noch immer ein gutes Verhältnis zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt wird, sorgt für eine dissonante Stimme. Der liberale Technokrat befürchtet, dass Russlands Wirtschaft in Folge schrumpft und wachsende Militärausgaben zu höherer Inflation führen. Steigende Steuern für Unternehmer würden das Wachstum weiter bremsen. Letztlich könnte die Eskalation des Ukraine-Konflikts jeden Russen ein Fünftel seines Einkommens kosten, schätzt Kudrin.

Die Menschen im Land sehen das noch anders. Im täglichen Leben spüren sie von  den Sanktionen kaum etwas. Bei einer Meinungsumfrage des Lewada-Zentrums gaben nur 36 Prozent der Befragten an, dass sie die westlichen Sanktionen mit Sorge sehen. Im März waren es noch 53 Prozent gewesen.

Tatsächlich wirken manche der zuletzt beschlossenen Maßnahmen wie Nadelstiche in einer Elefantenhaut: Die neuen Sanktionen gegen die Häfen von Kertsch und Sewastopol und gegen die Fährfirma, die derzeit den Hauptverkehrsweg aus Russland auf die Krim sichert, klingen kaum bedrohlich. Auch die Ankündigung der USA und Kanadas, bei der Weltbank gegen weitere Kredite für Russland zu stimmen, betrifft nur neun potenzielle Projekte zu einer Verbesserung der Energieeffizienz und zur Vorschulbildung mit einem Umfang von 1,34 Milliarden Dollar.