Die Schweizer Privatbank Julius Bär soll gezielt reichen Amerikanern bei der Steuerhinterziehung geholfen haben. © Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Zucman, ist die Schweiz ein Schurkenstaat?

Gabriel Zucman: Nein. Aber in der Schweiz gibt es einige Banken und Banker, die Steuerhinterziehung im großen Stil unterstützt haben und noch immer unterstützen. Sie haben dabei geholfen, die Steuereinnahmen anderer Länder zu stehlen. Wir müssen einen Weg finden, dies künftig zu unterbinden. Banken, egal aus welchem Land, dürfen nicht aktiv beim Steuerbetrug helfen.

Das zu erreichen ist sicherlich schwierig, aber nicht unmöglich. Die geschädigten Staaten müssen ihre Position nur klar und deutlich vertreten und im Zweifelsfall Sanktionen gegen Steueroasen verhängen. Ohne internationalen Druck werden wir den Steuerbetrug nicht effektiv bekämpfen können. Dafür ist das Geschäft einfach zu profitabel.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schlagen Sie vor, gegen die Schweiz Strafzölle zu verhängen. Sie würden tatsächlich einen Handelskrieg riskieren, um Steuerhinterziehung zu bekämpfen?

Zucman: Ich habe nicht die einzig wahre Antwort, die perfekte Lösung. Ich mache lediglich Vorschläge, was die internationale Gemeinschaft tun könnte. Sanktionen wären eine Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit haben die USA vorexerziert: Sie haben den Schweizer Banken einfach mit empfindlichen Strafen gedroht und diese teilweise auch verhängt.

Ich bin offen für andere Ansätze. Was nicht funktionieren wird: Wir bitten die Schweiz einfach nur freundlich um Unterstützung. Das Geschäft ist für das Land und die Banken noch immer hochprofitabel.

ZEIT ONLINE: Die Schweiz hat sich doch in einigen Bereichen bewegt, manche Experten behaupten sogar, das Schweizer Bankgeheimnis sterbe gerade.

Zucman: Es sind in der Tat Fortschritte erzielt worden. Es gibt beispielsweise die berechtigte Hoffnung, dass die Schweiz einem automatischen Austausch von Bankdaten zustimmen wird. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir die Fortschritte der Schweiz überschätzen.

Steueroasen sind immer noch ein sehr lukratives Geschäft. Ich habe mir die Vermögensdaten genau angeschaut: Es ist relativ sicher, dass 80 Prozent des Geldes, das in Steueroasen liegt, nur zum Zwecke der Steuerhinterziehung dorthin transferiert wurde. Für mich sieht vieles mehr nach Business as usual aus als nach einem tiefgreifenden Umdenken.

ZEIT ONLINE: Sind wir naiv, wenn wir der Schweiz und den Banken abnehmen, dass sie sich ändern wollen?

Zucman: Es ist in der Tat naiv zu glauben, dass die kriminellen Machenschaften einiger Schweizer Banken von einem auf den anderen Tag aufhören werden. Das wird nicht passieren. Und es geht ja nicht nur um die Schweiz: Auch in Frankreich und Großbritannien, immerhin EU-Mitglieder, gibt es klare Hinweise, dass Banken ihren Kunden dabei geholfen haben, Steuern zu hinterziehen. Aber niemand ist dagegen vorgegangen: Es gab keine Verurteilung, keine Strafen. Und nun sollen wir glauben, dass diese Banker plötzlich zu ehrlichen Steuerbürgern geworden sind? Das ist utopisch. Wenn die Politik nicht harte Maßnahmen ergreift, dann wird alles so weitergehen wie bisher.