Joey Chestnut während der Arbeit © Reuters

Als Joey Chestnut heute vor einem Jahr 69 Hot Dogs in zehn Minuten verschlang, da sahen auf Coney Island bei New York rund 40.000 Leute zu, und in ein bis zwei Millionen Haushalten flimmerte der Kalifornier über die Bildschirme: wie er die Brötchen in Wasser tunkte, sie sich in den Mund stopfte, die Würstchen hinterherschob. Chestnut gewann das Hot-Dog-Wettessen Nathan's Famous Hot Dog Eating Contest zum siebten Mal in Folge und bekam dafür 10.000 Dollar. Wahrscheinlich gewinnt er heute ein achtes Mal. 

Der bizarre Wettbewerb findet immer am 4. Juli statt, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, seit 1916 schon – seit einigen Jahren aber bekommt er so viel Aufmerksamkeit und ist so lukrativ wie nie zuvor. 2004 übertrug der Sportsender ESPN den Wettbewerb erstmals ins ganze Land; in den folgenden sieben Jahren haben sich die Verkäufe der Hot-Dog-Kette Nathan's Famous fast verdoppelt. Früher, erinnert sich der Wettesser Jason "Crazy Legs" Conti, gab es sonst nur noch ein größeres Matzeknödel-Wettessen. Inzwischen finden in den USA jedes Jahr Hunderte solcher Veranstaltungen statt. Für Hamburger, Steak, Mais, Austern, Eierkuchen, Sushi, hartgekochte Eier, eigentlich für alles.

"Wettessen könnte der derzeit am schnellsten wachsende Sport sein", schrieb Darren Heitner, Professor für Sportmanagement an der Indiana University, im vorigen Jahr im Forbes Magazine. Es gibt inzwischen mehrere Ligen und sogar ein Handyspiel mit bekannten Essern, in dem der Spieler aufpassen muss, sich nicht zu übergeben und sich nicht auf die Zunge zu beißen. Der Mix aus hemmungslosem Konsum und Wettbewerb scheint zu faszinieren. "Die Beliebtheit des Sports Wettessen hat sich in den vergangenen zehn, zwölf Jahren mindestens verdreifacht", sagt Richard Shea.

Er und sein Bruder George sind Schuld an dem Boom. Sie machten die Öffentlichkeitsarbeit für Nathan's Famous, als der Wettbewerb an deren Stammsitz auf Coney Island noch ein lokales Kuriosum war. "Wir mochten ihn", sagt Richard Shea, "wir hatten Spaß an der Stimmung." Vor allem aber erkannten die Brüder sein finanzielles Potenzial. Die Sheas, die sonst Marketing für Immobilienfirmen machen, sind gewiefte Werber. 

Joey Chestnut verdient im Jahr rund 230.000 Dollar

"Crazy Legs" Conti erzählt, dass sie in den neunziger Jahren einmal eine Frau im Erbsenkostüm anheuerten – sie sollte als vermeintliche Vegetarierin gegen die Veranstaltung protestieren und ihr so zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Damals kamen gerade mal 300 Zuschauer nach Coney Island. Es gab keine Preisgelder und keine Fernsehübertragung.

Das änderte sich, als die Sheas die International Federation of Competitive Eating (IFOCE) gründeten; inzwischen heißt die Liga griffiger Major League Eating (MLE). Sie hat rund 400 Wettesser unter Vertrag und veranstaltet um die 80 Wettbewerbe im Jahr. Die Esser haben Spitznamen und ihre eigene Einlaufmusik – wie beim Wrestling. Joey "Jaws" Chestnut ist ihr Star. Er bestreitet seit dreieinhalb Jahren seinen Lebensunterhalt damit, viel zu essen. "Ich hätte nie erwartet, einmal auf der Straße erkannt zu werden", sagt er.