Jetzt ist es keine bloße "Frechheit" mehr, wie die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Deal vorab kommentierte, sondern amtlich verkündete Realität: Formel-1-Chef Bernie Ecclestone hat sich aus den Fängen des Münchener Landgerichts freigekauft. Gegen Zahlung von 100 Millionen Dollar, umgerechnet rund 75 Millionen Euro, wird der Prozess gegen den britischen Milliardär eingestellt.

Viele halten das wie Leutheusser-Schnarrenberger für einen Skandal. Bestätige es doch, dass vor Gericht eben nicht alle Menschen gleich seien, sondern sich die mit viel Geld davon freikaufen könnten, dass gültiges Recht auf sie angewandt wird. Tatsächlich bleibt ein schaler Beigeschmack nach dieser Entscheidung des Gerichts. Man kann die Frage aufwerfen, ob sich hier jemand bereits zum zweiten Male andere Menschen gewogen macht, indem er ihnen viel Geld anbietet.

Eines ist klar: Die Geldsumme ist keine Strafe für Bernie Ecclestone. Weder im juristischen Sinne – er gilt mit der Einstellung des Verfahrens weiterhin als unschuldig und nicht vorbestraft – noch im finanziellen Sinne. Was sind schon 100 Millionen für einen Milliardär? Es ist nicht einmal so viel wie ein Jahreseinkommen für ihn. Somit hat er geradezu ein Schnäppchen gemacht. Er hat damit erreicht, dass nun nie mehr geklärt werden wird, ob er den Manager der Bayerischen Landesbank vor Jahren mit 44 Millionen Dollar bestochen hat. Das hatte der Ex-Bankvorstand Gerhard Gribkowsky immerhin selbst angegeben.

Gribkowsky erhielt für diese Aussage achteinhalb Jahre Haft. In seinem Fall ist klar, dass er sich der Bestechung schuldig gemacht hat, denn nach Erhalt der 44 Millionen setzte er sich dafür ein, dass die BayernLB ihre Anteile am Formel-1-Zirkus an einen Ecclestone-verträglichen Investor verkaufte. Das Geld ist geflossen, die Frage ist nur: Kann man dem Formel-1-Chef nun Bestechung vorwerfen? Zudem noch die Bestechung eines Amtsträgers, der Gribkowsky als Vorstandsmitglied einer Landesbank ja war. Oder waren die 44 Millionen ein erpresstes Schweigegeld, das Ecclestone zahlte, weil er sich vom BayernLB-Vorstand bedroht fühlte? So stellte es der britische Milliardär im Prozess selber dar.

Wie uninformiert war Ecclestone?

Offenbar fühlt sich das Gericht nicht in der Lage, diese Frage eindeutig zu klären. Deshalb die Einstellung des Verfahrens. Bisher habe sich der Verdacht gegen Ecclestone "in wesentlichen Teilen" nicht erhärtet, begründet das Landgericht seine Entscheidung nach drei Monaten Verhandlung, nach 20 Sitzungstagen. Die bisherigen Zeugen hätten Zweifel aufkommen lassen, wie glaubwürdig Gribkowsky sei – wie schwer seine Anschuldigungen also wögen. Zudem sei nicht klar, wie gut Ecclestone darüber informiert war, dass es sich bei der BayernLB um eine staatliche Bank handelte und bei dessen Chef um einen Amtsträger.

Zumindest diese Aussage erstaunt. Die Rede ist von einem Manager mit 30 Jahren Berufserfahrung und milliardenschweren Anteilen am Formel-1-Rennstall; einem Mann, von dem Leute wie Niki Lauda sagen: "Er ist der einzige, der alles kennt. Er hat alles im Kopf" – und dieser Kopf des Ganzen soll nicht einmal über die genaue Rechtsform seines Hauptinvestors Bescheid gewusst haben? Jedem Ottonormalkunden, der sich die Vertragsbedingungen seiner Bank nicht detailliert durchliest und deshalb bei Finanzgeschäften Geld verliert, lastet man das als fahrlässig an: selbst schuld.

Man hätte weiterverhandeln können, um all diese Fragen zu klären. Monate oder gar Jahre. In anderen Wirtschaftsstrafprozessen, in denen es um weniger geht, macht man das. In diesem Fall reichte dem Gericht eine einzige Aussage des Verteidigers: 100 Millionen Dollar.