Auf Haiti prüft ein Arbeiter die Qualität von Kaffee-Kirschen. ©Reuters/Eduardo Munoz

Die Idee klingt verlockend. Wer nur ein paar Cent mehr ausgibt, verändert die Welt. Zwar nur ein kleines Stückchen, aber immerhin. Irgendwo auf der Welt geht es einem Arbeiter, der Säcke mit Kaffeebohnen auf einen Lastwagen wuchtet oder Beeren vom Strauch sammelt, besser. Weil er seine Produkte über Fairtrade verkauft. In der Eigenwerbung heißt es: "Bei Produkten mit dem Fairtrade-Siegel haben Sie die Gewissheit, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern und Beschäftigten durch Fairtrade-Preise und -Prämie verbessert werden."

Besonders die Deutschen glauben dieser Darstellung. In keinem Land der Welt nimmt der Konsum von Fairtrade-Kaffee so rasant zu wie hierzulande. Doch glaubt man einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, dann sind wir damit vor allem eins: hoffnungslos naiv.

Fairtrade-Kaffee hat nach Einschätzung verschiedener Forscher nur wenig bis vernachlässigbare Auswirkungen auf die Produzenten, vor allem die armen. Schuld daran sind grundlegende Fehler und falsche Anreize im System. Entwicklungsökonomen seien sich mittlerweile einig, dass Fairtrade-Kaffee eines der uneffektivsten Mittel der Armutsbekämpfung sei, sagt der Ökonom Bruce Wydick von der University of San Francisco.  

Das vernichtende Urteil betrifft längst nicht nur die Szene der Weltläden-Besucher und Unicef-Spender. Fairtrade ist ein gigantischer Markt, der immer weiter in die Mitte der Gesellschaft drängt. In Deutschland gibt es rund 2.000 verschiedene Produkte in 42.000 Supermärkten, Cafés und Restaurants. Im vergangenen Jahr gingen Fairtrade-Waren im Wert von mehr als einer halben Milliarde Euro über die Ladentheken – ein sattes Plus von 23 Prozent zum Vorjahr. Das Siegel klebt praktisch überall: auf Reis, Bananen, Erdnussöl, Pfeffer oder Zucker. Sogar auf Blumen und Sportbällen ist es zu finden. Aber Kaffee ist das wichtigste Produkt im Geschäft mit dem guten Gewissen.

Fairtrade will anders sein

Mehr als 11.000 Fairtrade-Tonnen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gemahlen und landeten in Siebträgermaschinen oder Vollautomaten. Der Marktanteil liegt zwar noch bei bescheidenen zwei Prozent, doch der Kaffee mit dem Siegel boomt: Seit 2005 steigt der Absatz. Beim Branchenriesen Starbucks bekommt man nur noch Fairtrade-Espresso

Ob Ernteausfälle oder Rohstoff-Spekulanten: Gegen die raue Wirklichkeit verspricht Fairtrade Abhilfe. In einem Werbevideo heißt es: "Die Kaffeebauern sind den Mechanismen des freien Marktes ausgeliefert. Bei Fairtrade ist das anders." Als Schutz vor den naturgemäß schwankenden Börsenpreisen erhalten sie im Fairtrade-System einen Mindestpreis – quasi als Sicherheitsnetz. Zudem verspricht Fairtrade benachteiligten Regionen einen Marktzugang, bezahlten Urlaub und soziale Vorsorge.