"Herzlichen Glückwunsch!" Mit Handschlag begrüßt ein Edeka-Manager einen Bauern im "Kreise unserer Lieferanten". Der Landwirt klettert gerade von seinem Traktor. "Sie erfüllen alle Anforderungen unseres Gutfleisch-Markenprogrammes", sagt der Manager zu ihm; ein Unternehmensvideo hält die Szene fest. Der Bauer, dessen Hof im Südosten Baden-Württembergs liegt, scheint um das Wohl seiner Tiere sehr bemüht: "Das ist ein ganz super Gefühl, wenn die Schweine sehr vital sind und dann zum Fressen laufen." Das mache richtig Spaß. "Wenn alles fit ist, dann fühlt man sich selber fit." Am Ende singt eine Frau "Gutfleisch – das Beste für Sie!" Der Bauer öffnet eine Pforte, die Schweine hoppeln ins Freie.

Diese Edeka-Werbewelt steht in krassem, teilweise erschütterndem Widerspruch zu Bildern, die Tierschützer heimlich in Bauernhöfen gedreht haben, die Gutfleisch beliefern. In Norddeutschland sorgten vor Kurzem NDR-Berichte für Aufsehen, in denen kranke oder schreiende Tiere zu sehen waren; Schweine, die nicht mehr aufrecht stehen konnten, mit blutigen Schwänzen und angeknabberten Ohren. Nicht nur der Bauernverband, auch Edeka Nord distanzierte sich von den "klaren Gesetzesverstößen". Nun zeigen Aufnahmen der Tierschutzorganisation Animal Equality, die ZEIT ONLINE vorliegen: Fragwürdige Zustände gibt es nicht nur bei Zulieferern in Nord-, sondern auch in Süddeutschland.

Die heimlich aufgenommenen Videos und Fotos sind bei zwei Undercover-Besuchen bei just jenem Bauern entstanden, der so ein "super Gefühl" hat, "wenn die Schweine sehr vital sind". Auf ihnen zu sehen sind tote Schweine, die neben lebenden Tieren in einer Box liegen. Bei einem Tier sind Schnauze, Hals und Bauch bereits lila angelaufen. Wenige Zentimeter daneben frisst ein anderes Schwein aus einem Trog. Dann beißt es dem toten Artgenossen ins Ohr. In einem weiteren Video sieht man ein totes Schwein mit offener Wunde und freiliegenden Knochen am Bein. Zwei andere Schweine liegen direkt auf dem Kadaver, ein anderes nagt am Kopf des toten Tieres. 

Im Stall des Edeka-Zulieferers in Baden-Württemberg haben die Schweine beim Besuch der Tierschützer kaum Platz. © Animal Equality Germany

Die Enge im Stall wirkt beklemmend: Die Tiere zwängen sich eng aneinander, schubsen und beißen sich immer wieder. Mehrere haben offene Fleischwunden. Laut den Tierschützern waren in einer Box rund 25 Tiere eingezwängt. Der Großteil von ihnen hatte blutige Wunden und Verletzungen. 

Die Tierschützer haben den Stall zweimal aufgesucht, einmal im Februar und einmal im Juni dieses Jahres. Deshalb sei davon auszugehen, dass die Zustände keine Ausnahme, sondern der Normalfall seien, sagte ein Sprecher. Die Organisation hat Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz gestellt.  

Totes Tier im Futtertrog

Besonders die hygienischen Zustände geben verstörende Einblicke in Tierfabriken, die das Fleisch für die Buletten, Salami und Koteletts liefern, die später auf deutschen Tellern landen. Laut der Tierschutzorganisation urinierten Tiere in ihr eigenes Futter. Ein bereits verwesendes Tier habe zum Teil im Futtertrog gelegen. 

Die Bilder zeigen nur einen kleinen Ausschnitt einer Industrie, mit der sich die meisten Deutschen nicht beschäftigen wollen, um den gesunden Appetit auf Kassler und Co. nicht zu trüben. Während in Dänemark schon Schulklassen in gläsernen Schlachthöfen beim Töten und Zerlegen zusehen, ist die Branche in Deutschland am liebsten unter sich – sei es bei Mast oder Schlachtung. Wer zum Tag der offenen Tür auf einen Bauernhof fährt, bekommt in der Regel aufgeräumte, saubere Ställe zu sehen. Für die Tierschützer der Hauptgrund, heimlich nachts in die Höfe zu gehen. Es ist ein rechtlicher Graubereich, das räumen sie selbst ein.