Die Massentierhaltung von Schweinen sorgt in Deutschland verstärkt für Diskussionen ©dpa/Carmen Jaspersen

ZEIT ONLINE: Herr Jungbluth, aktuell sorgen schlimme Zustände bei einigen deutschen Schweinemastbetrieben für Aufsehen. Bei der Edeka-Vorzeigemarke Gutfleisch wurde gegen Tierschutzgesetze verstoßen. Überraschen Sie solche Vorfälle noch?

Thomas Jungbluth: Fast nicht mehr. In Deutschland werden jedes Jahr 58 Millionen Schweine geschlachtet. Ein kleiner Anteil der Schweinehalter hält sich nicht an die Gesetze. Was ich auf ZEIT ONLINE über den Mastbetrieb in Süddeutschland gelesen habe, ist ein eindeutiger Gesetzesverstoß. Da darf es keine Gnade geben.

 ZEIT ONLINE: Warum enttäuscht ein Anbieter nach dem anderen seine Kunden?

Jungbluth: Bei sogenannten Premium-Marken wie Gutfleisch stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wer kontrolliert die einzelnen Bauernhöfe? Tierschutz kann nur auf den einzelnen Betrieben selbst stattfinden. Der Bauer kann einen tollen Hof bauen und trotzdem gegen Tierschutzrecht verstoßen – wenn der Betriebsleiter die Sache nicht im Blick hat. Da hilft nur die Kontrolle vor Ort bei laufendem Betrieb. Und an der mangelt es häufig. Im Vorfeld kann ich alles prüfen: Böden, die Fütterungs- oder Lüftungsanlagen. Wenn der Landwirt aber später falsch damit umgeht, hilft das nichts.

ZEIT ONLINE: Es gibt Landwirte, denen das Tierwohl offenbar egal ist. Wie soll man das mitbekommen?

Jungbluth: Es gibt Ansätze, die aus meiner Sicht funktionieren könnten. Zum Beispiel das sogenannte Tierwohl-Label. Dabei werden Betriebe mit Sternen bewertet, die später für den Kunden zu sehen sind. Die Idee: Für Fleisch mit mehr Sternen auf der Packung zahlt der Kunde auch mehr. Doch die Sache wird an vielen Fronten ausgebremst. Tierschützern geht sie nicht weit genug. Der Einzelhandel zögert und argumentiert: In der Theke könnten nicht vier verschiedene Sorten Fleisch liegen: das normale Angebot, Tierwohl-Fleisch mit einem Stern, mit zwei Sternen und dazu noch Öko-Fleisch. Und dann kommt der Verbraucher, der einfach nicht mehr zahlen will.

ZEIT ONLINE: Warum werden solche Ideen in Deutschland nicht umgesetzt?

Jungbluth: Ich will den Einzelhandel nicht an die Wand stellen. Aber Schweinefleisch ist nun einmal das preisliche Lockangebot Nr. eins.

ZEIT ONLINE: Was will der Verbraucher eigentlich? Auf der einen Seite gibt es bei jedem Skandal eine Welle der Empörung. Aber auf der anderen Seite wird immer nur das billigste Fleisch gekauft. 

Jungbluth: Ja, das ist ein Widerspruch und der ist nicht neu. Der Durchschnittsverbraucher ist nicht bereit, für die sogenannte Prozessqualität zu zahlen. Will heißen: Wie ist das Produkt erzeugt worden? Der Kunde "bekennt" sich zwar und äußert eine Zahlungsbereitschaft. Aber an der Ladentheke zahlt er den höheren Preis dann eben doch nicht. Drastisch gesagt: Die meisten interessiert die Tierhaltung ganz und gar nicht.

ZEIT ONLINE: Wer ist denn bereit zu zahlen?

Jungbluth: Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Marktsegment für Premiumfleisch gerade einmal bei 20 Prozent liegt. Für Bioprodukte liegt der Marktanteil noch viel niedriger, bei unter einem Prozent. Das heißt: Der Anteil ist insgesamt so gering, dass es dem deutschen "Durchschnittsschwein" nicht hilft – sondern nur dem Gewissen der Gutverdienenden und Bessergebildeten. Mit höheren Preisen verbessern wir nicht die Haltung der 80 Prozent, die in den deutschen oder ausländischen Großhandel gehen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Kostenkalkulation der Schweinemäster?

Jungbluth: Für einen normalen Mäster ist der Kostendruck enorm hoch. Das ist natürlich von Region zu Region unterschiedlich. Gehen wir mal aus von einem Gewinn pro Mastschwein im Bereich von gerade einmal bei 15 bis 20 Euro. Um ein Einkommen von 80.000 Euro zu erzielen, muss ein Landwirt – großzügig gerechnet – rund 4.000 Schweine verkaufen. Dafür braucht man einen Stall mit rund 1.500 Plätzen. Für ein Schwein hat der Bauer dann während der gesamten Mast 25 bis 30 Minuten Zeit. Doch egal, wie viel der Bauer verdient: Es gibt keinen Grund, gegen Tierschutzgesetze zu verstoßen. Diesen Leuten gehört das Handwerk gelegt.

ZEIT ONLINE: Kann bei den derzeitigen Margen das Tierleben verbessert werden – zum Beispiel durch Stroh in den Boxen oder Auslauf?

Jungbluth: Dafür müssten Verbraucher im Geschäft mehr zahlen. Die Rechnung ist einfach: Wenn die Tiere ein Fünftel mehr Fläche haben sollen, dann kann der Bauer im vorhandenen teuren Gebäude ein Fünftel weniger Schweine halten.

ZEIT ONLINE: Zu den derzeitigen Preisen ist also eine Verbesserung des Tierwohls nicht möglich?

Jungbluth: Nein, das ist nicht möglich.