Er wollte es noch einmal wissen. Nachdem klar war, dass für Roland Koch der Weg zur Kanzlerschaft versperrt war, verließ er 2010 die Politik. Koch wollte die dicken Bretter künftig anderswo bohren: als Chef des zweitgrößten deutschen Baukonzerns Bilfinger, der damals noch Bilfinger Berger hieß. Es war zwar nicht das Kanzleramt, aber immerhin ein MDax-Unternehmen mit Milliardenumsätzen und Zehntausenden Mitarbeitern.

Doch die Zeit als Unternehmenslenker ist vorbei, Koch musste nach zwei Gewinnwarnungen kurz hintereinander seinen Posten aufgeben.  

Dabei hatte es so gut für ihn begonnen. Der gelernte Wirtschaftsjurist arbeite sich schnell ein in die Welt der Großbaustellen und Kraftwerkswartungen. Koch übernahm die Strategie seines Vorgängers Herbert Bodner: Der Konzern soll wegkommen von seinem Kerngeschäft, dem Bauwesen, und sich auf lukrative Service-Aufträge wie das Immobilienmanagement oder die technische Beratung konzentrieren. Für dieses Ziel baute der Ex-Politiker Bilfinger konsequent um. Er strich 1.500 Stellen und kaufte Firmen hinzu, sodass das Unternehmen heute auf gut 74.000 Beschäftigte weltweit gewachsen ist.

Doch seine Strategie hatte nicht das Vertrauen der Anleger: Die Bilfinger-Aktie sank seit Kochs Antritt um rund 20 Prozent. Zugleich stieg der Aktienindex MDax um 40 Prozent. Viele Analysten glauben, dass der Konzern durch die vielen Zukäufe zu komplex geworden sei. Als Koch dann noch den Wegfall eines Großauftrags eingestehen musste, die lukrative Wartung eines Kraftwerks in Südafrika, wurde es den Aufsichtsräten zu viel: Sie entzogen dem Ex-Politiker das Vertrauen.

Kaum Ex-Politiker in der ersten Reihe

Das sind die operativen Gründe für das Scheitern von Koch. Darüber hinaus stellt sich aber auch eine grundsätzliche Frage: Kann ein Spitzenpolitiker zum Wirtschaftsboss umschulen? Angesichts der vielen Politiker, die erfolgreich in die Wirtschaft gewechselt sind, mag diese Frage überraschen. Doch kaum jemand unter ihnen übernahm die exekutive Verantwortung eines Vorstandschefs. Sie alle bekamen Posten als Berater, Aufsichtsräte oder Lobbyisten, allen voran Gerhard Schröder und Joschka Fischer.

Den Sprung zum Firmenlenker aber haben vor Koch nur wenige Politiker gewagt. Einer von ihnen war Baden-Württembergs langjähriger Ministerpräsident Lothar Späth mit Jenoptik. Doch Späths Fall war ein spezieller, denn er führte einen DDR-Betrieb in die freie Marktwirtschaft. Dafür war vor allem sein Talent als Politiker gefragt: Er musste die Menschen mitnehmen, die voller Vorurteile gegenüber dem neuen System waren, und von der Politik Subventionen erhandeln.

Gravierende Unterschiede

Vordergründig erscheint ein Wechsel wie Koch ihn vollzog unproblematisch. Ob man einen Großkonzern führt oder ein Bundesland: Es geht ums gute Management. Ein Unternehmenschef muss langfristige Strategien entwickeln, Allianzen bilden, Menschen führen, schnell Entscheidungen treffen und diese selbstbewusst verkaufen. Das alles hat Roland Koch während seiner Zeit in der Politik gelernt.

Dennoch tickt ein Parteitag anders als eine Aktionärsversammlung, und ein Beamter braucht eine andere Ansprache als ein Unternehmensabteilungsleiter, der auf Boni und Aktienoptionen schielt. Zudem unterscheidet sich der Arbeitsrhythmus: Politiker leben im Vier- oder Fünf-Jahres-Takt der Wahlen, Firmenbosse dagegen werden von den Quartalszahlen alle drei Monate getrieben. 

Nach wenigen Monaten als Bilfinger-Chef hat Koch bereits verkündet: "Nein, ich bin ganz sicher kein Politiker mehr." Doch sein Ende als Bilfinger-Boss hatte die Anmutung eines Politiker-Rauswurfs. Ob Minister, Ministerpräsidenten oder Ex-Bundespräsident Wulff, sie alle inszenierten ihre Rücktritte als letzten großen, reinigenden Akt: Offiziell gingen sie aus freien Stücken, um "Schaden vom Amt" fernzuhalten. Selbst wenn sie in Wahrheit zurücktraten, weil die Kanzlerin oder ihre Partei sie fallen ließ.

So lief es auch bei Koch. Aufsichtsräte und Anteilseigner wollten ihn loswerden, deshalb konnte er seinen Posten nicht behalten. In der Pressemitteilung von Bilfinger wurde Koch zitiert mit den Worten: "Für ein unverändert erfolgreiches Unternehmen wie Bilfinger ist Berechenbarkeit am Kapitalmarkt ein wichtiges Gut." Das Vertrauen in ihn sei erschüttert. Er wolle nun "die Möglichkeit zu neuer Vertrauensbildung schaffen".

Das klingt schwer nach der Politiker-Formel, man wolle "Schaden vom Amt fernhalten". Es könnte sein, dass andere Politiker nach dem brutalstmöglichen Scheitern des Koch-Experiments eher davor zurückschrecken, Vorstandschefs zu werden.