Russlands Präsident Wladimir Putin hatte es dem russischen Volk versprochen: Die Regierung werde "Maßnahmen … zur Verhinderung der rasanten Preissteigerung in der Landwirtschafts- und Lebensmittelproduktion treffen", hieß es in einer Anordnung Putins vom 6. August. Nur wenige Wochen später scheint klar: Es hat nicht funktioniert.

Die Regierung versichert im russischen Staatsfernsehen zwar tagein tagaus, dass Moskau die Preise unter Kontrolle halten wird und dass die Gegensanktionen Russlands – unter anderem ein Importverbot von bestimmten Lebensmitteln aus Europa – die russische Bevölkerung nicht belasten wird. Die Realität in der russischen Wirtschaft ist jedoch eine völlig andere.

Gleich in mehreren Regionen Russlands haben die Lebensmittelgroßhändler die Preise deutlich erhöht. Betroffen sind vor allem die Grenzregionen, die mit am stärksten von Lebensmitteln aus dem Ausland abhängig sind. In St. Petersburg seien die Preise für Schweinefleisch seit Jahresbeginn um 23,5 Prozent, für Huhn um 25,8 Prozent, für Zucker um 16,5 Prozent, für Milch um 13,5 Prozent und für Kartoffeln sogar um 72,7 Prozent gestiegen, sagte Anatoly Kotov, der Chef des Komitees für Wirtschaftspolitik und strategische Planung, auf der Sitzung der Regionalregierung am 19. August.

St. Petersburg ist wie viele russische Metropolen auf Lebensmittel aus dem Westen angewiesen. Milch und Fleisch werden fast zu 100 Prozent aus dem Ausland bezogen. Die Preise für Lebensmittel lassen sich kaum noch kontrollieren, gab Kotov zu.

Weniger kritisch ist die Situation im östlichen Teil Russlands. Auf der Insel Sachalin haben sich beispielsweise die Preise für Käse lediglich um zehn Prozent und die für Fleisch um 15 Prozent erhöht, wie der dortige Landwirtschafts- und Handelsminister, Nikolay Borisov, vor wenigen Tagen mitgeteilt hat. In der Nachbarregion Primorje ist Fleisch um 26 Prozent teurer und manche Arten von Fisch sogar um 40 Prozent teurer geworden.

Brasilien ist kein Ersatz für Europa

Die Einzelhändler werfen ihren Lieferanten vor, die Situation auszunutzen und die Preise unnötig in die Höhe zu treiben. Letztere verweisen wiederum auf die Hersteller, die ihre Produkte seit dem 6. August, dem Tag an dem die Sanktionen beschlossen wurden, nur noch viel teurer anbieten würden. Obst aus der Region Krasnodar sei bereits um 50 Prozent im Preis gestiegen, sagt Anton Solotko, der Miteigner der Zyklon-Gruppe, die in Russland mit Obst und Gemüse handelt.  Lebensmittel aus China seien gleichzeitig um 20 bis 30 Prozent teurer geworden.

Ganz von der Hand zu weisen ist der Vorwurf nicht, die Großhändler würden die unsichere Lage ausnutzen. Die Importverbote haben den Wettbewerb in der russischen Lebensmittelbranche und damit den Preisdruck erheblich reduziert. In manchen Sektoren haben einige wenige Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung oder sind sogar zum Monopolisten geworden. Sie können somit die Preise im Alleingang bestimmen. 

Die Ankündigung Russlands, die fehlenden West-Lebensmittel durch Importe aus anderen Ländern – wie beispielsweise Brasilien – zu substituieren, halten viele für überzogen. "Brasilien produziert nicht genug Fleisch, um die fehlenden Importe aus Europa vollständig zu ersetzen", sagt Sergey Juschin, Chef des Exekutivkomitees der Nationalen Fleischassoziation im alternativen russischen Fernsehsender Doschd. Außerdem habe auch Brasilien die Preise bereits deutlich erhöht. So seien die für September geschlossenen Lieferverträgen um bis zu 20 Prozent teurer als noch im August, sagt er.

Bislang sind die höheren Großhandelspreise noch nicht in den Supermarktregalen angekommen. Am Ende ist das aber nur eine Frage der Zeit: Die russische Zentralbank werde den Markt zwar regulieren und versuchen, den Preisanstieg bei Lebensmitteln einzudämmen, sagt Chris Weafer vom Beratungsinstitut Macro Advisory der Zeitung Wedomosti. Der Einzelhandel werde jedoch versuchen, dies mit Preiserhöhungen an anderer Stelle zu kompensieren.

Das hat offenbar mittlerweile auch die russische Regierung erkannt. Und wohl auch deshalb vor wenigen Tagen die eigenen Gegensanktionen abgemildert hat.