Es sind nicht unbedingt die Betriebsräte oder Gewerkschaftler, die viel wissen. Wer etwas über die heutige Arbeitswelt erfahren möchte, der kann auch einfach zum Arzt gehen. In den Praxisräumen der Republik sprechen die Deutschen über ihre Leiden. Und manchmal auch über deren Ursachen.

So beobachtet ein Hausarzt aus Berlin: "Beschäftigte werden verschlissen. Nach dem Motto: Wenn der nicht mehr kann, suche ich mir einen Neuen." Eine Ärztin aus Marl hat Patienten, "die das Gefühl haben, nie die Arbeit erledigt zu haben". Und ein Berliner Psychiater berichtet von einem Mitarbeiter eines Finanzdienstleisters, der seit Jahren depressiv ist: "Das ist grausig, wenn ich mit ihm über die Arbeitsbedingungen rede."

Solche Beobachtungen, protokolliert im Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK, sind nicht brandneu. Doch lange wurden sie als Einzelschicksale oder Begleiterscheinungen bestimmter Branchen abgetan. Nun machen sie sich mit einer Wucht in der Statistik bemerkbar, die auch die Politik aufhorchen lässt. Arbeitsministerin Andrea Nahles lässt derzeit konkrete Punkte für eine mögliche Anti-Stress-Verordnung gegen psychische Überlastung von Arbeitnehmern erarbeiten. Nach jahrelangen Debatten könnte es nun ernst werden. Im kommenden Jahr sollen erste Ergebnisse stehen.

Depressionen auf dem Vormarsch

Der Druck, etwas zu tun, ist stark gestiegen, das zeigen die Daten. So wuchs zum Beispiel unter AOK-Mitgliedern die Zahl der Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Krankheiten binnen zehn Jahren um rund ein Drittel, wie aus dem neuen Fehlzeitenreport der Krankenkasse hervorgeht.

Psychische Erkrankungen, etwa Depressionen, sind Hauptursachen für die steigenden Zahlen von Arbeitnehmern, die wegen verminderter Erwerbsfähigkeit in Rente gehen. Laut Deutscher Rentenversicherung Bund wechselten im vergangenen Jahr mehr als 66.000 Arbeitnehmer aus diesem Grund in die Erwerbsminderungsrente – rund 19.300 mehr als 2005. Krankenkassen melden zudem immer wieder hohe Anteile an Krankheitstagen aus diesem Grund.

Nun haben Krankenkassen wie auch Gewerkschaften in dieser Debatte natürlich auch eigene Interessen. Relativ unverdächtig ist allerdings die Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die im Auftrag von Nahles herausfinden soll, ob und wie sich Belastungsschwellen festlegen lassen. Die Beamten haben zusammengerechnet, wie viele Menschen wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen früh verrentet werden. Der Trend ist auch hier besorgniserregend: Lag der Anteil 1998 noch bei rund 22 Prozent, waren es zehn Jahre später schon fast 36 Prozent. Die aktuellsten Daten stammen von 2012: Mehr als 42 Prozent der Frührentner haben demnach psychische Probleme.

"Auch nachts arbeiten – weil der Markt es so fordert"

Einer der Risikofaktoren für solche Störungen: Arbeitnehmer müssen auch nach der Arbeitszeit per Smartphone oder Computer geschäftlich kommunizieren, es wird unregelmäßig gearbeitet, die sogenannte Arbeitsdichte ist hoch. "Es ist fast egal, ob sie einen Kühlschrank produzieren oder in der Ambulanz arbeiten: Es hat sich der Glaube durchgesetzt, dass die Menschen auch am Wochenende und nachts arbeiten müssen, wenn der Markt es erfordert", sagt Andrea Fergen aus dem Vorstand der IG Metall. Und ihre DGB-Kollegin Annelie Buntenbach ergänzt: "Die Beschäftigten sind nicht etwa plötzlich Weicheier geworden, sondern leiden nachweisbar unter einem steigendem Druck bei der Arbeit. Fast zwei Drittel der Beschäftigten müssen immer mehr in der gleichen Zeit leisten, mehr als die Hälfte arbeitet gehetzt und mehr als ein Viertel muss permanent erreichbar sein." 

Dass die psychischen Belastungen durch den Job zugenommen haben, steht heute kaum noch zur Debatte. Allerdings bestreiten die Arbeitgeber einen Zusammenhang zwischen der Zunahme an psychischen Erkrankungen mit der beruflichen Erreichbarkeit nach Feierabend – worauf Nahles abzielt.

Offen ist vor allem die Frage, welchen Anteil der Druck am Arbeitsplatz auf die Erkrankungen hat. Auch die Gewerkschaften räumen ein, dass die Depressionen viele Ursachen haben können: den Job, aber natürlich auch Probleme in der Familie oder im Umfeld. Auch Experten sind hier uneins. In einer Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz heißt es: Der Anteil an arbeitsbedingten psychischen Störungen könne nicht "auf Prozent und Promille beziffert werden".

Entgegen der landläufigen Meinung muss man nicht ins Frankfurter Bankenviertel gehen und in einem der Hochhäuser den Fahrstuhl in die Chefetage nehmen, um Stress vorzufinden. Die Welt, in der Arbeit Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit und Unwohlsein verursacht, liegt manchmal viel näher. Sie ist in Bahnhöfen zu finden, Kaufhäusern oder in der Amtsstube der Kleinstadt.

Dort gibt es ganz selten noch Arbeitsplätze, die früher zuhauf zu finden waren: Der Mann, der in der U-Bahnstation die Züge ausgerufen hat oder der Mitarbeiter im Büro, der einfach ein bisschen weniger gearbeitet hat, ein bisschen öfter krank war. "Die hat man halt mitgezogen. Obwohl sie nicht geleistet haben, was gefordert war", sagt ein Hausarzt aus Neuwied. Ein Kollege ergänzt: "Heute kommen die Wirtschaftsberater und sagen einfach: ‚Du hast 80 Leute, das schaffst du auch mit 50.' Bums. Die 20 Prozent, an denen man noch irgendwas an Reserven hatte, die werden gestrichen und sind weg. Da ist nichts mehr."