Zwei Bauarbeiter stehen am Hauptbahnhof in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf dem Dach eines Bahnsteigs auf der Großbaustelle für das umstrittene Bauprojekt Stuttgart 21 © dpa

Nach Ansicht von Wolfgang Dietrich, oberster Bahnsprecher für das Projekt Stuttgart 21, haben die Medien mal wieder nicht richtig kapiert, was wirklich vor sich geht. Durch die ganze Republik war in der vergangenen Woche der "Baubeginn" am "Herzstück" des umstrittenen Verkehrsprojekts ausgerufen worden. Gemeint war der beginnende Aushub eines 900 Meter langen, 80 Meter breiten und 14 Meter tiefen Troges mitten im Stadtzentrum. Aber ausgerechnet diesmal, so wurde verwundert registriert, verzichtete die Bahn auf Blasmusik, prominente Paten und Prosecco. Etwa aus der klammen Furcht heraus, so wurde gefragt, noch mehr Störer auf die Baustelle zu locken, als ohnehin schon da sind?

Keineswegs handle es sich "um einen Baustart für den Bahnhof oder gar für das Gesamtprojekt", konterte Dietrich umgehend in einer Erklärung. Der beginnende Aushub sei lediglich ein "Fortgang der Arbeiten". Dem Gedanken mochte nicht einmal der Bahnhofsarchitekt Christoph Ingenhoven folgen. Dies sei der "eigentliche Beginn der Bauarbeiten" an seinem "Baby", bekräftigte er gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. "Das symbolisiert das endgültige Ende der Ungewissheit."

Aber ist die Ungewissheit wirklich beendet? An vielen Stellen auf der Großbaustelle in Stuttgart klemmt es noch gewaltig. Ein paar Beispiele: Im Trogverlauf liegt der größte Abwasserkanal Stuttgarts mit einem Maximaldurchfluss von 100.000 Liter pro Sekunde. Der Kanal muss tiefer gelegt werden, doch die Genehmigung des Eisenbahn-Bundesamts (EBA) dafür steht, ebenso wie für eine geplante erhöhte Grundwasserentnahme, noch aus. Es gibt bisher kein genehmigtes Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof und keine zusätzlichen versprochenen Baustraßen für die Lastwagenkolonnen. Immerhin müssen 1,8 Millionen Tonnen Erde fortgeschafft werden.

Bei der Deutschen Bahn, die sich von Kritikern umzingelt fühlt, liegen die Nerven blank. Als die Stuttgarter Zeitung im vergangenen Jahr mit Berufung auf interne Bahndokumente berichtete, in der Berliner Zentrale werde längst mit einer Bahnhofsfertigstellung im Jahr 2022, also mit einem Jahr Verzögerung, gerechnet, schickte das Kommunikationsbüro Stuttgart 21 mit Dietrich an der Spitze die Anwälte los. Nach monatelangem Streit um Pressefreiheit und Sorgfaltspflichten obsiegte jedoch das in Baden-Württemberg tonangebende Blatt in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Stuttgart; die Kläger zogen vier Unterlassungsanträge zurück.

Die EU ermittelt

Aber der Strom aus kleineren und größeren Enthüllungen über Probleme auf der Baustelle reißt einfach nicht ab. Und die jüngste hat es in sich: Es geht um den laufenden milliardenschweren Verkehrsvertrag, den die schwarz-gelbe Landesregierung mit der DB Regio kurz nach der Jahrtausendwende ausgehandelt hat. 2003 trat das Papier in Kraft, die Laufzeit reicht noch bis 2016. Züge, so der offen gehandelte Verdacht, sollen damals wissentlich zu überteuerten Preisen bestellt worden sein – das alles als getarnte Subvention für Stuttgart 21. Involviert in die Vertragsgestaltung war damals der Staatssekretär im Verkehrsministerium und spätere Ministerpräsident Stefan Mappus.

Der baden-württembergische Landesrechnungshof hat sofort reagiert. Er prüft derzeit den Verkehrsvertrag und will bis zum Herbst einen Bericht vorlegen. Damals hatte Baden-Württemberg 39 Millionen Zugkilometer pro Jahr bei der Bahn bestellt, für einen auf die Laufzeit gerechneten Gesamtpreis von gut vier Milliarden Euro. Bis zu einer Milliarde Euro davon könnte zu viel gezahlt worden sein, mutmaßt der Verkehrsclub VCD. Die Grünen im Landtag zeigten sich bereits offen gegenüber Forderungen des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Zunächst soll abgewartet werden, ob die Kontrollen des Rechnungshofs den Verdacht verschwiegener Quersubventionen bestätigen. Auch die EU prüft aktuell, ob das Land bei Abschluss des Verkehrsvertrags zu hohe Zuschüsse garantierte.