Schadet Ungleichheit der Wirtschaft? Lange war die Diskussion darüber akademischen Zirkeln vorbehalten, jetzt steigen auch Ökonomen der Wall Street in die Debatte ein. Und ihre Meinung ist überraschend eindeutig. In einem Papier, das die Ratingagentur Standard & Poor’s vor ein paar Tagen veröffentlichte, fallen die Analysten schon in der Überschrift mit der Tür ins Haus. Der Report heißt "Wie die wachsende Ungleichheit das Wirtschaftswachstum der USA dämpft, und mögliche Wege, den Trend zu ändern".

Für die Politik ist die Studie gleich mehrfach interessant. Die Vereinigten Staaten haben sich immer noch nicht von den Folgen der tiefen Wirtschaftskrise erholt, die auf den Zusammenbruch des Immobilienmarkts folgte. Dass es so lange dauert, könnte an der zunehmenden sozialen Ungleichheit im Land liegen, schreibt Standard & Poor’s-Chefökonomin Beth Ann Bovino. Sie und ihr Team glauben zudem, dass die ungleiche Verteilung der Einkommen die größten Wirtschaftskrisen der Geschichte erst möglich gemacht hat. 

Im Umkehrschluss heißt das: Eine Politik gegen die Einkommensunterschiede könnte nicht nur die Konjunktur befeuern, sondern auch vor künftigen Krisen schützen – wenn sie klug gemacht ist. Was aber ist klug? Linken Politikern und Ökonomen werden die Vorschläge von Standard & Poor's vermutlich nicht weit genug gehen.

Die Ratingagentur versteht sich nicht als politische Organisation, sondern als Dienstleister, vor allem für Investoren, die ihr Geld in Anleihen stecken. Aber weil die Finanzmärkte auf ihre Ratings reagieren, haben die Papiere der Agentur auch politisches Gewicht. Für den neuen Report haben die Chefökonomin und ihr Team zahlreiche Datenreihen und ökonomische Studien durchforstet. Die von ihnen gesichteten Daten belegten: In den USA sind die Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich größer als in anderen Industriestaaten – und seit den achtziger Jahren ist die soziale Ungleichheit noch dramatisch gewachsen.

Zu wenig Geld, zu wenig Konsum

Das ist ein Problem, weil die Reichen sparen, statt ihr Geld auszugeben. Die fehlende Nachfrage hemmt die Konjunktur – ganz besonders in den USA, wo traditionell der Konsum und nicht allein der Export das Wachstum treibt. Die Armen hingegen müssen sich verschulden, um über die Runden zu kommen. So entsteht eine Blase am Finanzmarkt, die irgendwann platzt. Zweimal sei das schon passiert, schreiben Bovino und ihre Analysten. "Es folgten die beiden schlimmsten ökonomischen Krisen der US-Geschichte, die Große Depression (der Dreißigerjahre) und die (gegenwärtige) Große Rezession." Jedes Mal habe die soziale Ungleichheit kurz zuvor ein nie gekanntes Ausmaß erreicht.     

Auch im Moment gäben die Amerikaner einfach zu wenig Geld aus, und der Trend zu schlecht bezahlten Jobs halte an. Die Ungleichheit der Arbeitseinkommen werde wohl noch weiter zunehmen, heißt es in dem Papier. Standard & Poor's hat deshalb seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr gesenkt. Die Ungleichheit sei "nicht nur ein Problem der Armen", sondern beschwere den wirtschaftlichen Schwung auf lange Sicht.