Die Ärztin Siven Relindise, eine gebürtige Kamerunerin, arbeitet heute im Krankenhaus im brandenburgischen Luckau. © Thomas Peter/Reuters

Es sind Menschen wie Tung, Software-Entwickler aus Vietnam oder Sundeep, Elektroingenieur aus Indien. Die Biochemikerin Marie aus den USA gehört ebenso dazu wie die Pflegerin Anca aus Rumänien. Vor wenigen Jahren noch hätte die Bundesregierung sie eher geduldet denn vorgezeigt. Das war in den Achtzigern, als im Koalitionsvertrag noch der Satz "Deutschland ist kein Einwanderungsland" stand.

Im Jahr 2014 aber werden diese Einwanderer vom Wirtschafts- und Arbeitsministerium stolz präsentiert. Auf der von den beiden Ministerien betriebenen Seite Make it in Germany erzählen erfolgreiche Immigranten ihre Geschichten. Direkt dabei gibt es eine Anleitung, "in fünf Schritten zum Arbeiten nach Deutschland", und dazu Tipps zum Visumsantrag.

Den Ministerien geht es nicht um eine kleine Imagepolitur. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ist längst bewusst, wie dringend Deutschland die Tungs oder Sundeeps dieser Welt braucht. Doch die Frage ist: Kommen wirklich jene nach Deutschland, die die Regierung anlocken will, und die in den Unternehmen benötigt werden?

Halbe Million Einwanderer werden 2014 erwartet – netto

Zuletzt wanderten im Saldo 440.000 Menschen jährlich nach Deutschland ein. Der Trend hält an, in diesem Jahr sollen es noch mehr werden. Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht von einer halben Million aus. Die OECD spricht von einem Einwanderungsboom.

In Deutschland kommen in solchen Fällen schnell zwei Fragen auf: Haben wir nicht schon genug Arbeitssuchende? Und: Nützen die Einwanderer, streng wirtschaftlich gesprochen, dem Land? Auf beide Fragen findet man in der Statistik Antworten.

Die erste Erkenntnis: Der deutsche Arbeitsmarkt saugt Neuankömmlinge in der Regel auf. Ob Euro-, Nahost- oder Ukraine-Krise, am Arbeitsmarkt prallen die Probleme der Welt bislang ab. In Deutschland waren zuletzt nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit fast 30 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt – 442.000 mehr als vor einem Jahr. Das ist die höchste Beschäftigung seit Anfang der neunziger Jahre. In ganz Europa ist die Arbeitslosigkeit nur in Österreich noch geringer. In anderen Worten: Der deutsche Arbeitsmarkt ist in der besten Verfassung seit Langem.

Die zweite Erkenntnis: Ohne Zuwanderung stünde dem Arbeitsmarkt zwar kein Kollaps bevor. Aber wir bekämen gravierende Probleme. Die Frage nach dem Nutzen der Einwanderer mag kaltherzig und kalkuliert klingen, doch ökonomisch ist es nur vernünftig, sie zu stellen – und sie ist ganz unabhängig von der Frage zu betrachten, ob Deutschland Flüchtlinge aus Syrien oder Afrika aufnehmen sollte. Praktisch jede große Volkswirtschaft wirbt international um Arbeitskräfte und wählt gezielt jene aus, die sie braucht. Deutschland hat sich in dieses Rennen erst spät eingeschaltet, zur Jahrtausendwende, und das aus guten Gründen. Der Arbeitsmarkt braucht einen Marshallplan.

Millionen Arbeitskräfte fallen weg

Weil die Geburten ausbleiben, kommen den deutschen Unternehmen die Arbeitskräfte abhanden. Eine stärkere Einwanderung, vermehrt arbeitende Frauen oder die Rente mit 67 könnten den Mangel allenfalls bis 2020 ausgleichen, warnt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Im Jahr 2030 dürfte die Zahl der Arbeitskräfte um fast drei Millionen niedriger liegen als heute, erwarten die Forscher, bis 2050 fehlten weitere vier Millionen Menschen. In der Summe wären das sieben Millionen Auto-Ingenieure, Softwareentwickler, Café-Kellner und Kindergärtnerinnen. Das entspricht der Bevölkerung von Hamburg, Berlin, Köln und Frankfurt – zusammen.   

"Der gesamte Arbeitsmarkt wird leergefegt werden", warnt Wido Geis vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Die Gruppe der 50- bis 65-Jährigen, die demnächst in Rente geht, sei zu groß. "Es gibt einfach nicht genügend Junge, die nachrücken." Deshalb umwirbt Deutschland mit Nachdruck Hochqualifizierte und macht es ihnen leicht, Fuß zu fassen. Sei es die "Blue Card" oder "Welcome Center" wie in Hamburg, die sich vom Habitus der Ausländerbehörden abgrenzen. Deutschland engagiert sogar in Indien, Indonesien und Vietnam Berater, die Fachkräften – besonders mit den begehrten Abschlüssen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – den Sprung schmackhaft machen sollen.