Es ist noch gar nicht so lange her, da stand im Koalitionsvertrag zwischen Union und FDP folgender Satz: "Deutschland ist kein Einwanderungsland." Und weiter: "Es sind daher alle humanitär vertretbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden." Das war 1982.

Wer jedoch in letzter Zeit irgendwo auf der Welt unzufrieden war und eine neue Heimat suchte, dessen Finger landete beim Wandern auf der Weltkarte erstaunlicherweise in den meisten Fällen nicht auf Kanada oder den Stränden Westaustraliens. Das Ziel war das Land, das sich einst so sträubte gegen neue Bürger. Die Immigration nach Deutschland könne ohne Übertreibung als ein Boom bezeichnet werden, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)

Unter den 34 Mitgliedsstaaten in der OECD verdrängte die Bundesrepublik kürzlich klassische Einwanderungsländer wie Kanada und Australien sowie alle anderen europäischen Länder. Nur die USA, das Einwanderungsland schlechthin, sind noch attraktiver. "Seit zwei bis drei Jahren haben wir ein Hoch", hat auch Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung beobachtet.

Nach Zahlen des Statistischem Bundesamtes wanderten zuletzt netto 440.000 Menschen nach Deutschland ein. Und in diesem Jahr werden es sogar noch mehr. Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet mit einer halben Million. Dabei geht es nur am Rande um Krisenflüchtlinge aus Thessaloniki oder Bürgerkriegsopfer aus dem syrischen Aleppo. Deutschland ist zum Magneten für Auswanderer geworden – weltweit. Warum?

1. Die gute Konjunktur

Deutschland ist die größte und zugleich wohl wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft auf dem Kontinent. Der "kranke Mann Europas" ist längst zum "economic powerhouse" (Washington Post) geworden, an dessen Reformen sich andere Nationen orientieren. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, das Wirtschaftswachstum hoch. Trotz der Ukraine-Krise hält die deutsche Industrie immer noch ein Wachstum von zwei Prozent im laufenden Jahr für möglich. Steward Wood, Berater des Labour-Chefs Ed Miliband, schrieb kürzlich im Guardian: "Whisper it softly: it's OK to like Germany." Besonders vom deutschen Modell der sozialen Marktwirtschaft könne Großbritannien viel lernen: "Deutschland sollte uns bei der Suche nach Antworten auf unsere größten Herausforderungen inspirieren."

Der Sog auf ausländische Arbeitnehmer ist fast vergleichbar mit den USA im frühen 20. Jahrhundert. Die Zuwanderer befeuern durch ihren Gründergeist oder ihre Qualifikation das Wirtschaftswachstum zusätzlich. "Migration ist positive Auslese", sagt Stephan Sievert vom Berlin-Institut. "Es waren immer schon die Guten, die ausgewandert sind."  

Besonders für Polen, Rumänen und Bulgaren ist der Arbeitsmarkt in Deutschland attraktiv. "Extreme Zuwächse", hat Sievert hier beobachtet. Unter den Zuwanderern haben zwar viele keinen Berufsschulabschluss. Aber auch Uni-Absolventen kommen weit häufiger als in Deutschland üblich. "Das hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren extrem verschoben", sagt Sievert. Der Arzt aus Bulgarien oder der Ingenieur aus Rumänien sind keine Besonderheit mehr. 

2. Das positive Image

Nachdem Deutsche in ausländischen Kneipen jahrzehntelang eher geduldet als willkommen geheißen wurden, hat sich das Image grundlegend gewandelt. Mit Deutschen mag plötzlich jeder gerne am Tisch sitzen – und das nicht erst, seit das Integrationsvorbild Nationalmannschaft Fußballweltmeister geworden ist. Laut einer BBC-Umfrage ist derzeit kein Land so beliebt wie Deutschland.

"Weiche Faktoren sind auf jeden Fall relevant", sagt Migrationsexperte Sievert und verweist auf das Beispiel Kanada. Für Zuwanderer sei das Image fast noch wichtiger als die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen. Deutschland profitiert außerdem vom positiven Image der Hauptstadt. "Berlin hat den Ruf, dass man hier gut leben kann. Der reicht weiter als Südeuropa", sagt Sievert.