Es ist paradox: Seit Jahren geloben die Regierungen der Welt, entschlossen gegen den Klimawandel vorzugehen – und doch gelingt es ihnen nicht einmal, den Anstieg der klimaschädlichen Emissionen auch nur ein wenig zu bremsen. Im vergangenen Jahr hat die Menschheit fast 40 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet. Es war so viel wie nie. Und trotz aller Initiativen und Klimakonferenzen: Zwischen 2012 und 2013 stiegen die Emissionen ebenso schnell wie in den vorhergehenden zehn Jahren.

Wenn das so weitergeht, warnen Forscher, befinde sich spätestens in 30 Jahren so viel CO2 in der Atmosphäre, dass die Erderwärmung wohl nicht mehr auf zwei Grad zu begrenzen sei. Gestehe man jedem Menschen ab sofort das gleiche Recht auf CO2-Ausstoß zu, habe Deutschland sein Budget bereits in zehn Jahren aufgebraucht, sagt der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung PIK, Hans Joachim Schellnhuber. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es später, unsere Wirtschaft umzubauen: Das ist die Botschaft des Wissenschaftlers.

Um die politische Blockade zu überwinden, wirft UN-Generalsekretär Ban Ki Moon jetzt seine ganze Autorität in die Waagschale und bittet die Staats- und Regierungschefs der Welt an diesem Dienstag zum außerplanmäßigen Klimagipfel nach New York. Mehr als 120 Staatslenker sind der Einladung gefolgt. So viele reisten noch nicht einmal zum kläglich gescheiterten Kopenhagener Gipfel vor fünf Jahren an.

Ban will sie zu mehr Klimaschutz verpflichten. Sein Kalkül: Stehen die Chefs auf den nächsten beiden planmäßigen Klimakonferenzen in Lima Ende des Jahres und in Paris im kommenden Jahr hinter ihren Gesandten, dann können die Delegationen ein wirksames und tragfähiges internationales Abkommen beschließen.  

Die Fragen, die verhandelt werden, sind dabei die gleichen wie seit jeher: Welches Land darf wie viel Emissionen ausstoßen? Wie viel Hilfe erhalten die Entwicklungsländer? Wie schützt man den fürs Klima so wichtigen Wald? Und wer kommt für die Schäden auf, die durch den Klimawandel verursacht werden?

Doch eine definitive Übereinkunft wird es in New York nicht geben – auch, weil die wichtigsten Akteure fehlen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel schlug Bans Einladung aus. Sie spricht am Dienstag lieber auf einer Veranstaltung des Bundes der Deutschen Industrie. Damit fehlt die Regierungschefin des wirtschaftlich stärksten EU-Landes, das noch dazu im Moment den G-7-Vorsitz innehat. Merkel könnte führen, doch die ehemalige Klimakanzlerin hält sich zurück: Auch das ist ein deutliches politisches Signal. Umweltministerin Barbara Hendricks, die an ihrer Stelle zum Gipfel fährt, wird zum Abendessen der Regierungschefs voraussichtlich gar nicht zugelassen.

Waldschutz und Green Climate Fund

Auch die großen Emittenten China und Indien schicken nur die zweite Garde, ebenso andere Schwellenländer. Dafür kommen US-Präsident Barack Obama und Frankreichs Präsident François Hollande, der im kommenden Jahr Gastgeber der entscheidenden Klimakonferenz in Paris sein wird. Dort wird darüber gerungen werden, ob sich die Weltgemeinschaft auf einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls einigen kann.

Wie vorab zu hören ist, wird es in New York wohl ein Abkommen für mehr Waldschutz geben. Gegenstand der Verhandlungen ist auch der Green Climate Fund, aus dem künftig Klimaschutzprojekte finanziert werden sollen. Der Fond ist eines der wenigen konkreten Dinge, die auf den bisherigen Klimagipfeln beschlossen wurden, und vor allem den vom Klimawandel stark betroffenen Entwicklungsländern wichtig. Deutschland hat bereits vor Bans Gipfel zugesagt, eine Milliarde Dollar zu geben. Außerdem hat Umweltministerin Hendricks versprochen, dass die staatseigene Förderbank KfW künftig keinen Neubau von Kohlekraftwerken im Ausland mehr unterstützen soll, doch Wirtschaftsminister Gabriel ist da anderer Meinung.

Klimaschutz lieber auf nationaler Ebene

Ob das reicht, den Klimaverhandlungen neuen Schwung zu verleihen, wie von Ban erhofft? Womöglich schreitet die Klimapolitik in Zukunft eher durch nationalstaatliche Initiativen voran als durch internationale Vereinbarungen. So wie im Falle Chinas, dem größten Emittenten weltweit: International will das Land sich nicht in die Pflicht nehmen lassen, aber innenpolitisch scheint die Klimapolitik unter Staatspräsident Xi Jinping wichtiger zu werden. Oder die USA: Der Demokrat Obama würde nie die Zustimmung des republikanisch dominierten Kongresses zu einem international verbindlichen Klimavertrag erhalten. Jetzt treibt Obama den Klimaschutz eben per Verordnung voran.

Umweltschützer erhoffen sich eine neue Dynamik von solchen nationalen Fortschritten. Doch sie könnten sich täuschen. Denn der Knackpunkt ist: Solange es den einzelnen Staaten überlassen bleibt, wie viel Klimaschutz sie betreiben, und solange kein internationales Abkommen ihre Verpflichtungen festschreibt – so lange bleibt die Wahrscheinlichkeit groß, dass die freiwilligen Beiträge nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen.