Deutschland landet im Ranking der weltweit beliebtesten Einwanderungsländer auf Platz zwei, gleich hinter den USA. Als Vizeweltmeister hat es jetzt sogar traditionelle Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien hinter sich gelassen. Die größte Gruppe der Migranten kommt aus den mittel- und osteuropäischen Ländern, aber wegen der Wirtschaftskrise ziehen auch aus Südeuropa immer mehr Migranten nach Deutschland.

Noch vor fünf Jahren belegte Deutschland Platz acht im internationalen Vergleich. Das Land hat sich im Eiltempo zum Einwanderungsland entwickelt. In der Öffentlichkeit wird das allerdings entweder ignoriert oder kritisch gesehen.

Ein Grund dafür mag eine tief sitzende Ambivalenz vieler Deutscher gegenüber dem Fremden sein, wie psychologische Studien zur Identität und Selbstwahrnehmung immer wieder zeigen. Deutschland gilt zwar als sicherer und hervorragend organisierter Platz in der Welt, aber dadurch erscheint es auch immer als sehr formal, diszipliniert, kontrolliert und ernst.

Den bebenden Reichtum eines glutvollen Lebens verorten viele Deutsche anderswo. Das schwelgerische und intensive Dasein ersehnen viele  in Südeuropa oder an den weiten Stränden Hawaiis. Die gelassene Genusskultur der Franzosen, die Sinnlichkeit Italiens oder die familiäre Herzlichkeit der Türkei werden immer wieder schwärmerisch verklärt. Diese Sehnsucht, ein gesteigertes Leben im Ausland zu finden, machte die Deutschen immer wieder zu Reiseweltmeistern.

Aber auch jenseits der Urlaube eignen wir uns die Eindrücke aus der Ferne liebend gerne mithilfe der Gastronomie an: Wir gehen zum Italiener, zum Japaner, zum Türken. Selbst die Wohnungsdekorationen sind häufig bestimmt durch Souvenirs, Bilder oder Zitate verheißungsvoller fremder Lebensstile.

Die Faszination kippt in Abgrenzung

Aber es bleibt meist bei einem unverbindlichen Flirt: Eine Integration des Fremden in das eigene Leben unterbleibt. Denn je weiter man sich dem Neuem zuwendet, desto stärker wird die Angst, sich selbst zu verraten und zu verlieren. Daher kippt die Faszination meist in Abgrenzung – und in die Beschwörung des Heimatlichen.

Dieses ambivalente Verhältnis spiegelt sich im Umgang mit Migranten wider. Auf der einen Seite idealisiert mancher Deutsche die Einwanderung in Form einer beglückenden Multi-Kulti-Folklore. Dass es notwendig ist, sich mit der anderen Kultur auseinanderzusetzen, damit Integration am Ende erfolgreich ist, wird dabei häufig ignoriert.

Auf der anderen Seite warnen immer öfter Politiker, nicht nur im konservativen Spektrum, vor zu viel Zuwanderung: Die Sozialsysteme würden ausgezehrt, der Bildungsstandard sinke, die Kriminalitätsrate steige und die ideellen und materiellen deutschen Werte würden verloren gehen.

Deutschland als Goretex-Variation

Viele Menschen sehen Deutschland angesichts der stark kriselnden Nachbarstaaten als eines der letzten, aber auch bedrohten Paradiese in Europa. Diese Bedrohung gelte es abzuwehren. Im Idealfall soll Deutschland wie eine semi-permeable Membran funktionieren, wie man sie aus der Goretex-Bekleidung kennt: Das Gute und Produktive aus Deutschland soll aus dem Land herausströmen und Deutschland zum Exportweltmeister machen. In dieser Richtung sind offene Grenzen und freier Handel willkommen.

Viel stärker verbinden gemeinsame Ziele und Werte

Arme, Kranke oder Flüchtlinge aber sollen draußen bleiben – und nicht ins Land strömen. In dieser Logik begrüßen viele Menschen eine restriktivere Flüchtlingspolitik und die jüngst verabschiedeten Maßnahmen gegen Sozialmissbrauch. Auch der Euro wird entsprechend kritisch gesehen. Denn gegenüber der Deutschen Mark besitzt er für viele Menschen noch immer die Aura des Fremden und Krankmachenden. Das trotzige "Wir brauchen den Euro nicht" zeigt die Sehnsucht nach einem autonomen und sich selbst genügenden Deutschland.

Deutschlands Defizite rücken in den Fokus

Diese Diskussion aber übersieht die Chancen der Integration. Faktisch sorgen die Zuwanderer im überalternden Deutschland schon jetzt für eine Verjüngung der Arbeitnehmer. Sie helfen, den sogenannten Facharbeitermangel zu beheben. Zudem stellt die OECD fest, dass die Zuwanderer mehr Steuern und Abgaben zahlen als sie an Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Das Gros der Einwanderer hat einen Job und ist gut qualifiziert. Die Vorstellung aber, dass Deutschland die Einwanderer braucht, ist nicht gut gelitten. Denn sie rückt die Defizite und Entwicklungsprobleme des eigenen Landes in den Fokus.

Dass Deutschland seine heutige Stärke und Entwicklungsfähigkeit gerade auch den Einwanderern verdankt, hat jüngst die Fußball-WM gezeigt. Klose, Özil, Khedira, Boateng und Podolski haben in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung einer neuen Spielkultur geleistet, die Athletik mit Ästhetik verbindet, die effizient und berauschend ist. Die Nationalmannschaft ist ein Paradigma dafür, dass eine gesellschaftliche Einigkeit nicht in einer gemeinsamen Herkunft begründet sein muss.

Viel stärker verbinden gemeinsame Ziele und Werte. Unterschiede, das Fremde und Andere sind geradezu förderlich. Sie bringen eine produktive Ergänzung und Spannung ist das Leben und verhindern Starre und Selbstgenügsamkeit. Geistiger Austausch und die Reibung mit anderen Kulturen sind Kräfte, die dafür sorgen, dass eine Nation lebendig und schöpferisch bleibt.

Deutschland, ein klassisches Einwanderungsland

Und war Deutschland nicht schon immer kreativ und produktiv – gerade weil es seit jeher ein klassisches Einwanderungsland ist? Das erzählt bereits Carl Zuckmayer in seinem Stück Des Teufels General. Hier ist der Leutnant Hartmann verzweifelt, weil ihm der Arier-Nachweis aufgrund der nicht-arischen Großmutter verwehrt wird. General Harras versucht ihn wieder aufzubauen, indem er ihm klar macht, dass Deutschland und vor allem das Rheinland "die große Völkermühle" ist:

"Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann (…). Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie (…). – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, (...) ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt (...) und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen."