Proteste in Kanada gegen das Handelsabkommen Ceta © Mark Blinch/Reuters

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Nur einen Tag vor dem EU-Kanadagipfel in Ottawa, auf dem die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen Ceta abgeschlossen werden sollen, hat das Canadian Center for Policy Analysis am Donnerstag seine Kritik an Ceta präsentiert. Mehr als hundert Seiten umfasst die Analyse

"Kanadier müssen eine Menge Opfer für Ceta bringen und bekommen am Ende ein Abkommen, von dem vor allem große, multinationale Unternehmen profitieren", sagt Studienautor Scott Sinclair. Ceta würde auf allen Ebenen demokratische Rechte beschneiden und die Regierung bei der Festlegung etwa von neuen Umweltstandards beschränken.

Sinclair nennt ein Beispiel, das bislang eher selten in der Öffentlichkeit diskutiert wurde: Den durch Ceta gestärkten Patentschutz. Medikamente gehören zu den wichtigsten Handelsgütern zwischen der EU und Kanada. Die Kanadier haben mit die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente weltweit, das Thema hat also politische Brisanz. Kanada sei hier der EU entgegengekommen und gewährt Medikamenten aus der EU nun einen längeren Patentschutz in Kanada, sagt Sinclair. Nicht sechs, sondern acht Jahre seien die Hersteller nun vor unliebsamer Konkurrenz geschützt. Die Kritiker schätzen die Kosten des verlängerten Patentschutzes auf rund 850 Millionen Dollar – und zwar jährlich.

Harper will Ceta rasch abschließen

Doch die Kanadier schert die Kritik nicht, sie unterstützen das Abkommen: Nach einer Umfrage des kanadischen Meinungsforschungsinstituts AngusReid vom Juli befürworten fast 70 Prozent der Kanadier Ceta. Vor elf Jahren fragte das gleiche Institut die Kanadier, was sie von Nafta, der Freihandelszone zwischen Kanada, den USA und Mexiko halten würden. Damals waren rund 58 Prozent der Befragten dagegen, die Stimmung in der Bevölkerung war aufgeheizt. Davon ist derzeit nichts zu spüren.

Wenn am Freitag EU-Größen wie der scheidende Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Ratspräsident Herman van Rompuy in Ottawa eintreffen, begegnen sie einem kanadischen Präsidenten, der seine politische Agenda eng mit dem Freihandel verbunden hat. Der konservative Premier Stephen Harper will Ceta zum Erfolg erklären – ungeachtet der Tatsache, dass es auf anderen Seite des Atlantiks gehörig rumpelt – und zumindest die deutsche Bundesregierung immer noch Änderungswünsche hat. Im Oktober 2015 sind Wahlen in Kanada. Harper muss sich unter anderem gegen Justin Trudeau durchsetzen, den 43-jährigen Chef der liberalen Partei Kanadas, der mit viel Elan ins Amt des Premiers strebt. Der 55-jährige Harper, seit 2006 im Amt, will Ceta gerne vorher vom Tisch haben.