Bei jedem Fonds oder Wertpapier wäre die Sache schnell klar: 30 Prozent Wertverlust innerhalb eines Jahres? Viel zu riskant, da würden die meisten nicht einsteigen. Zumindest nicht, wenn sie eine wertbeständige Geldanlage suchen, für die Ewigkeit oder nur ein paar Jahre weniger. Doch genau die gleichen Anleger reagieren völlig anders, wenn genau diese schwankende Geldanlage Gold heißt. Dann machen ihnen die 30 Prozent Preisrückgang glänzende Augen. Sie schwärmen: Nachkaufen! Unbedingt! So billig wird es so bald nicht wieder!

Über Jahre hat uns die Finanzindustrie eine Botschaft eingehämmert, so wie einem Barren den Reinheitsgrad: Gold ist die wertstabilste Anlage überhaupt. Sie übersteht alle Zeiten, unbeschadet von Inflation oder Krisen. Nur beweist die Wertentwicklung des Goldes, dass diese Behauptung überhaupt nicht stimmt.

Zumindest muss man schon in extrem langen Zeiträumen rechnen, damit sie sich bewahrheitet. Über die Jahrhunderte hat sich Gold den Ruf erworben, ein weltweit ebenso knappes wie begehrtes Zahlungsmittel zu sein. Seit die Römer und Lyder im 7. Jahrhundert vor Christus erstmals das Metall zu Münzen pressten, so sagen Goldanhänger, sei der Wert einer Unze Gold unverwüstlich. Im alten Rom habe man für sie eine Tunika bekommen, im Kaiserreich einen Anzug und heute einen Maßanzug. 

Gold ist selten, das macht es seit je her teuer. Seit den Zeiten der Römer und Lyder förderten alle Goldminen der Welt lediglich einen Ausstoß zu Tage, der in einen Würfel mit einer Kantenlänge von 20 Metern passt. Das entspricht 25 Gramm Gold pro Erdenbürger. Gold ist knapp, also ist es auch wertbeständig, lautet die Schlussfolgerung der Analysten.

Was ist der wahre Wert?

Das Problem ist nur: Wie hoch der wahre Wert des Goldes ist, das weiß niemand. Ob aktuell 200 oder 2000 Dollar ein gerechtfertigter Preis für eine Feinunze wären, können selbst Vermögensverwaltungsexperten wie Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau nicht mehr beantworten: "Für Aktien und Anleihen kann man ermitteln, wann sie fundamental richtig bewertet sind. Beim Gold sind wir weit davon entfernt." Finanzmarktprofessor Dirk Baur, der sich seit Jahren mit dem Auf und Ab des Goldpreises beschäftigt und ihn mit mathematischen Methoden modelliert, drückt es so aus: "Es gibt kein akzeptiertes Preismodell für Gold, da stochern alle im Nebel herum. Daher ist es sehr schwer, den 'richtigen' Preis des Goldes zu ermitteln." 

Bis 2010 noch hielten viele die 1000-Dollarmarke je Feinunze für die Schallmauer, die das Gold nicht durchbrechen würde. Zwei Jahre später spekulierten sie, ob das Edelmetall bald die 2000-er Marke knacken könnte, doch schon im Lauf des Jahres 2012 stürzte der Preis jäh von 1800 auf 1200 Dollar ab.

Das sei noch nicht das Ende des Kursverfalls, warnt Baur. Denn eines ist für ihn sehr sicher: Am Goldmarkt hat sich eine Blase gebildet, die den Preis zuletzt übermäßig in die Höhe trieb. "An der Preisentwicklung der letzten Jahre sieht man, dass um 2002 der Preis angestiegen ist und blasenartige Prozesse bis 2011 zu beobachten waren. Das bedeutet, dass noch viel Raum nach unten ist. Mich würde es nicht wundern, wenn der Preis deutlich unter 1000 Dollar rutscht", sagt er. Und zwar langfristig.

Vieles spricht dafür, dass sich das Edelmetall durch den Kursrutsch wieder in der Nähe seines normalen Werts einpendelt. Der lag über Jahrzehnte weit unterhalb der 1000-Dollar-Marke und rührte sich dort auch kaum.