Möglicherweise gibt es den Regenwald, der auf diesem Foto an eine Rinderweide grenzt, schon nicht mehr. Die Aufnahme entstand vor einem Jahr in Nordbrasilien. © Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Lippenstift und Körpercreme, Fleisch und Schokolade, Kokosfett und Pflanzenöl: Vieles von dem, was deutsche Konsumenten jeden Tag in ihren Einkaufswagen packen, trägt indirekt zur Entwaldung in den Tropen bei. Eine global expandierende Landwirtschaft braucht Flächen – und weil Ackerland fast überall rar ist, werden dafür mehr und mehr Bäume gefällt.

Weltweit gilt die Landwirtschaft als wichtigster Treiber der Rodungen. Mehr als 70 Prozent der Wälder, die in tropischen Breiten gefällt werden, müsse Agrarflächen weichen, besagt eine neue Studie – und die Hälfte der Rodungen verstoße gegen das Gesetz. Auf einem großen Teil der freigeräumten Flächen werden dann Feldfrüchte für den Export angebaut: Palmöl für die globale Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie, oder Soja für Chinas und Europas Schweinezüchter. In Brasilien entsteht durch die Rodungen neues Weideland für Rinder, deren Fleisch ebenfalls teilweise für ausländische Kunden bestimmt ist.  

Die Umweltorganisation Forest Trends hat sich die Mühe gemacht, das Ausmaß der illegalen Entwaldung in den Tropen zu quantifizieren – den Umweltschützern zufolge ist es die erste Berechnung dieser Art. Die Rolle der illegalen Rodungen für die Landwirtschaft sei "übergroß", sagte Forest-Trends-Präsident Michael Jenkins. Und künftig werde die landwirtschaftliche Produktion noch mehr steigen – mit entsprechend desaströsen Folgen für die tropischen Wälder.  

Das Problem: Zwar haben viele Länder Gesetze, um ihre Waldflächen zu schützen. Aber häufig sind sie nicht in der Lage, ihre Regeln auch durchzusetzen. In Brasilien beispielsweise müssten 80 Prozent jedes Grundstücks im Amazonas bewaldet bleiben, erklärt Sam Lawson, der Hauptautor der Forest-Trends-Studie. "Aber die meisten Landbesitzer ignorieren diese Vorschrift." Und in Indonesien vergäben korrupte Beamte Lizenzen für die Rodung von Sumpfwäldern, die eigentlich unter staatlichem Schutz stünden. Oft seien die Gesetze aber auch so widersprüchlich, dass es den Unternehmen kaum möglich sei, sich daran zu halten.

In Brasilien und Indonesien sind die illegalen Kräfte besonders stark. Allein Brasilien verlor in den Jahren 2000 bis 2012 mehr als 30 Millionen Hektar Wald an die boomende Soja- und Rindfleischindustrie – ein großer Teil davon wurde vor dem Jahr 2004 gefällt. "Danach ist die Entwaldung in Brasilien dramatisch gesunken", sagt Sam Lawson. "Aber vorher war die Lage dort unglaublich schlecht. Das heißt: Selbst wenn sie sich jetzt verbessert hat, so ist sie noch nicht gut, sondern immer noch sehr schlecht."  

Umweltschützer kritisieren Brasilien schon seit einiger Zeit, weil die aktuelle Regierung den Waldschutz unter dem Druck der Agrarlobby vor Kurzem gelockert hat. Seither wird im Amazonas wieder mehr Wald abgeholzt.

Konsumenten-Boykott gegen illegale Rodungen

In Indonesien verschwanden seit dem Jahr 2000 mehr als 15 Millionen Hektar, um Platz zu machen für Ölpflanzen, oder weil die Zellstoffindustrie Holz brauchte. So wie auch in Brasilien waren 80 Prozent der Rodungen gegen das Gesetz. "Brasilien und Indonesien produzieren besonders viele Agrarprodukte für den Weltmarkt", erklärt Forest Trends das Ausmaß der Entwaldung. Aber auch die Wälder in Malaysia, Papua-Neuguinea, Kambodscha und Laos, Tansania, Bolivien und Paraguay sind durch illegale Rodungen gefährdet.

Die Hauptverantwortlichen dafür tragen aus Lawsons Sicht die Unternehmen. "Ihre Manager zahlen die Bestechungsgelder, und sie entscheiden sich ganz bewusst, gegen die Gesetze zu verstoßen – weil es mehr Gewinn bringt, und weil sie nicht dafür bestraft werden", sagt er. Daneben seien selbstverständlich auch die Regierungen und Behörden in den Tropen für die Gesetzesbrüche verantwortlich. Und die Länder, die erst die Nachfrage schaffen für die wachsenden Mengen an Soja, Öl und Zellstoff, die global gehandelt werden. Gäbe es einen Boykott auf die Produkte aus illegal gerodeten Gebieten, dann würde sich illegale Entwaldung nicht mehr lohnen, so die Logik.

Europa gehöre – neben China, Indien und Russland – zu den Regionen, in denen besonders viele Rohstoffe aus illegal gerodeten Gegenden konsumiert würden, sagt Lawson. Es könne deshalb auch besonderen Einfluss nehmen. "Die EU hat versprochen, die weltweite Entwaldung zu bekämpfen. Aber zugleich vergrößert sie das Problem, indem sie solche Rohstoffe importiert. Das muss sich dringend ändern."