Wer wissen will, wie es um den weltweiten Klimaschutz steht, musste vergangene Nacht nicht auf die Abschlusserklärung des New Yorker Gipfels von Ban Ki Moon warten. Es reichte schon, ein paar Tage zuvor nach Australien zu schauen, wo sich die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer trafen. Oder in die Abschlusserklärung irgendeines europäischen Krisentreffens der vergangenen Jahre.

Es gibt ein Wort, das in all diesen Dokumenten viel häufiger auftaucht als das Wörtchen Klima: Wachstum. Auch in Cairns erklärten die versammelten G20-Minister, sie wollten in den kommenden Jahren das Wachstum ankurbeln, für mehr Arbeitsplätze und um endlich den Weg aus der Krise zu finden. In ihrem Communiqué wurde das Klima ganze drei Mal erwähnt – und einmal meinten die Minister damit nur das Investitionsklima, nicht die Erderwärmung. Die interessierte sie so gut wie gar nicht.

Natürlich hat das seinen Grund. Die Welt  kann nicht ohne Wachstum, zumindest noch nicht. Solange Arbeitsplätze fehlen, und solange Investitionen durch Kredite finanziert werden und die Banken dafür Zinsen verlangen – solange brauchen selbst die Industrieländer Wachstum. Von den Entwicklungsländern ganz zu schweigen. 

Doch das bedeutet beileibe nicht, dass wir beruhigt weitermachen können wie bisher. Immer mehr Brücken, Straßen, Autos und Häfen zu bauen, mag die Weltwirtschaft ankurbeln, und kurzfristig hilft es vielen aus ihren wirtschaftlichen Nöten. Aber auf lange Sicht verschlechtert es die Lebensumstände künftiger Generationen, und zwar so sehr, dass ihnen irgendwann auch der stärkste Wirtschaftsboom keine Freude mehr bereiten wird.

Die Veränderungen sind bereits spürbar. Nicht nur, weil die Emissionen von Treibhausgasen trotz aller Klimagipfel immer weiter steigen, selbst im vermeintlichen Vorzeigeland Deutschland. Forscher wie Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, werten die häufiger auftretenden Wetterextreme, abschmelzenden Gletscher und den Anstieg des Meeresspiegels als "unübersehbare Menetekel". Schellnhuber sagt: "Was hier passiert, trifft unsere Kinder." US-Präsident Barack Obama hat sich auf Ban Ki Moons Gipfel ähnlich geäußert. "Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt", sagte er. "Und die letzte, die etwas dagegen tun kann."

Hoffnungszeichen in New York

Obama versprach in New York ein entschiedeneres Vorgehen gegen die Erderwärmung, und auch China kündigte an, man wolle in absehbarer Zeit einen Emissions-Peak erreichen. Falls es nicht nur bei Ankündigungen bleibt, wären die beiden größten Emittenten der Welt endlich bereit für ein globales, verbindliches Klimaabkommen. 

Es gab noch ein paar weitere Hoffnungszeichen. Der Green Climate Fonds wurde wenigstens zu einem Drittel gefüllt, Deutschland gab eine Milliarde Dollar. Das Geld soll Entwicklungsländern helfen, sich gegen die Folgen der Erderwärmung zu wappnen. Abkommen zum Waldschutz wurden verabschiedet, an denen auch Deutschland beteiligt war. Zahlreiche Regierungen, Unternehmen, Umweltschützer und Vertreter indigener Gruppen verpflichteten sich sogar, die Entwaldung in Entwicklungsländern bis 2030 völlig zu stoppen.  

Gegen das Wirtschaftssystem

Doch solange wir so vom Wachstum abhängig sind, wird all das nicht reichen. Wer das Klima wirklich schützen will, muss unsere Art des Wirtschaftens in Frage stellen. Das aber trauen sich bisher nur die wenigsten.

Wir wissen längst, wie Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zu vereinen wären: durch Investitionen in erneuerbare Energien, ressourcensparende Techniken, Rechtssicherheit. Aber statt die schönen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, bauen wir weiter schmutzige Kohlekraftwerke. Das zu ändern, ist Sache der Politik. Es wäre höchste Zeit, dass Regierungsvertreter über grünes Wachstum reden statt über die althergebrachten Konjunkturmaßnahmen.

Weil aber selbst das effizienteste Wachstum Ressourcen verbraucht, reicht selbst das nicht aus. Auch die Verbraucher müssten umdenken, gerade in den reichen Ländern. Unsere Gesellschaft basiert auf Massenkonsum. Wer mithalten will, braucht Geld. Die Unternehmen wecken ständig neue Bedürfnisse, um weiter und mehr produzieren zu können. Aber brauchen wir wirklich immer höher auflösende Fernsehgeräte, immer mehr und weitere Urlaubsreisen, immer die neueste Mode im Kleiderschrank?

Wer Verzicht fordert, macht sich nicht nur unbeliebt, er rührt auch an den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems. Aber es ist höchste Zeit, die Debatte darüber zu führen, wo Wachstum überhaupt noch nötig ist – und wie man dort, wo die breite Masse schon auskömmlich lebt, durch bewussteren Konsum und Umverteilung eine Alternative möglich machen kann.