Am Sonntag demonstrierten Zehntausende weltweit für mehr Klimaschutz, so wie hier in New York. © Andrew Burton/Getty Images

Am kommenden Dienstag folgen 126 Staats- und Regierungschefs der Einladung des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon zu einem Klimagipfel in New York. Am Wochenende davor sind bei 2.600 Demonstrationen in 161 Ländern Hunderttausende Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straßen gegangen. In Berlin haben sich nach Angaben der Veranstalter rund 10.000 Menschen auf den Weg gemacht, um am späten Nachmittag vor dem Brandenburger Tor eine bessere Klimapolitik zu verlangen.

Was ist vom UN-Klimagipfel zu erwarten?

Der Gipfel in New York wird keine Ergebnisse im Sinne eines neuen Abkommens bringen. Aber 14 Monate vor dem vielleicht entscheidenden UN-Klimagipfel in Paris, wo ein neues Abkommen unterzeichnet werden soll, will Ban Ki Moon die Staats- und Regierungschefs darauf einschwören, den Pariser Gipfel nicht zu einem solchen Desaster werden zu lassen wie den 2009 in Kopenhagen, als in Anwesenheit von 102 Staats- und Regierungschefs nahezu nichts erreicht wurde. Ban Ki Moon, der sich trotz aller Rückschläge seit seinem Amtsantritt für den Klimaschutz einsetzt, wird am Dienstag einen globalen Preis für Kohlendioxid verlangen. Dieser Preis soll es wirtschaftlich lohnender machen, in erneuerbare Energien zu investieren als ins Ölgeschäft oder in Kohlekraftwerke. Wer das Klima schützen will, muss die globalen Marktkräfte in Richtung Klimaschutz zwingen, und das wäre mit einem globalen Preis für CO2 am leichtesten möglich.

Warum fehlt die Bundeskanzlerin?

Angela Merkel (CDU) hat sich entschieden, lieber vor der deutschen Industrie aufzutreten, als in New York eine Vier-Minuten-Rede vor der Welt zu halten. Schon dem Erdgipfel Rio plus 20 vor zwei Jahren blieb sie fern. Die Kanzlerin und derzeitige Vorsitzende des Industriestaatenklubs G7 scheint von der Eurokrise so erschöpft zu sein, dass sie sich nicht mit noch einem überkomplexen Thema in Verbindung bringen lassen will. 2009 war sie zum Klimagipfel nach Kopenhagen gereist – und musste die Erfahrung machen, dass sie in der letzten Verhandlungsrunde zwischen den USA, China, Indien und Brasilien schon gar nicht mehr gefragt war. Tatsächlich hätte sie mit der deutschen Energiewende in New York durchaus eine vorzeigbare Politik zu bieten. Doch vielleicht glaubt sie wegen der zähen Debatten zu Hause derzeit nicht daran, dass Klimaschutz tatsächlich ein Gewinnerthema sein kann.

Wo steht die Welt in Sachen Klima?

2013 hat der globale Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) erneut einen Rekordwert erreicht, die Weltmeteorologieorganisation (WMO) hat 2013 im Durchschnitt einen CO2-Gehalt von 396 ppm (parts per million, Teilchen pro einer Million Luftteilchen) gemessen. Um ganz sicher unter einer globalen Erwärmung von zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung zu bleiben, dürfte der Wert nicht dauerhaft über 350 ppm liegen. Bei 450 ppm gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, unter zwei Grad zu bleiben, lediglich noch bei etwas mehr als 50 Prozent liegt. Dazu kommt: Das Tempo, in dem der globale CO2-Ausstoß wächst, steigt immer noch. Klimaforscher des britischen Tyndall-Centers haben errechnet, dass nur noch etwa 1.200 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen dürfen. Werden es mehr, lässt sich das globale Klimaziel, die Welt unter einer durchschnittlichen Erwärmung von zwei Grad zu halten, nicht mehr erreichen. 2013 lag der globale CO2-Ausstoß demnach bei 40 Milliarden Tonnen. Bliebe der CO2-Ausstoß auf diesem Niveau wäre die Aufnahmekapazität der Erdatmosphäre in 30 Jahren überschritten. Der Weltklimarat (IPCC) hatte in seinem fünften Sachstandsbericht schon eine ähnliche Zahl ermittelt.

Was sagen die Ökonomen?

Wenige Tage vor dem Gipfel in New York hat eine Gruppe namhafter Ökonomen aus einem Dutzend Länder einen Bericht vorgelegt, wie das globale Wirtschaftswachstum klimafreundlich werden könnte. Sie haben herausgefunden, dass in den kommenden 15 Jahren mit Investitionen in den Aufbau von Städten in einer Höhe von 90 Billionen Dollar zu rechnen ist. Wird dieses Geld in Kohlekraftwerke investiert, bestimmt es so auf Jahrzehnte den CO2-Ausstoß dieser Städte. Wird es in eine klimafreundliche Infrastruktur investiert, wie etwa in Nahverkehrsnetze oder erneuerbare Energien, würden diese Investitionen zu einem klimafreundlichen Wachstum beitragen. Eine andere Zahl aus dem Bericht: Würden nur zwölf Prozent der degradierten Böden wieder nutzbar gemacht, könnten 200 Millionen Menschen mehr ernährt werden. Bis heute werden 600 Milliarden Dollar jährlich als Subventionen für klimaschädliche Energien wie Öl, Gas und Kohle ausgegeben, dem stehen lediglich 100 Milliarden Dollar jährlich zur Förderung erneuerbarer Energien gegenüber. In der gleichen Woche haben 160 Umweltpreisträger aus aller Welt die privaten wohltätigen Stiftungen aufgefordert, ihr Geld aus dem Öl-, Gas- und Kohlegeschäft abzuziehen und stattdessen klimafreundlich zu investieren. Dabei geht es um Hunderte Milliarden Dollar. Erst am Freitag haben ein Dutzend großer Pensionsfonds, die ebenfalls milliardenschwere Vermögen verwalten, einen Preis für Kohlendioxid gefordert.

Was sagen Forscher und Aktivisten?

Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat einen Pakt zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft empfohlen. Dass die Klimadiplomatie das Problem allein in den Griff bekommt, ist offenkundig unwahrscheinlich. Aber die Zivilgesellschaft allein kann es trotz hunderttausendfacher Beteiligung an den Demonstrationen am Wochenende auch nicht schaffen. Der WBGU hofft, dass beide gemeinsam den Klimawandel in einem erträglichen Maß halten können.

Der amerikanische Klimaaktivist Bill Mc Kibben, der mit seiner Organisation 350.org zu den Organisatoren der globalen Demonstrationen gehört, sagte dem Magazin New Yorker, derzeit hätten die Staats- und Regierungschefs Angst vor den Bossen der Öl- und Gasindustrie, weil die Branche so reich sei. "Sie müssen sich auch vor den Menschen fürchten", sagte er. Dann ändere sich auch etwas.