Normalerweise verkünden Russlands Staatsbeamte derzeit, wie wenig die Sanktionen des Westens ihrem Land anhaben können. Der Minister für natürliche Ressourcen und Ökologie schaffte es in dieser Woche jedoch nicht ganz, so optimistisch zu klingen. Sergej Donskoj räumte ein, dass die Strafmaßnahmen Auswirkungen auf die Ausbeutung von Öl aus schwer zugänglichen Quellen haben – und damit auch auf die wirtschaftliche Entwicklung Russlands in der Zukunft.

Schon Ende Juli haben die Europäische Union und USA die Lieferungen bestimmter Technologien für die Exploration und Förderung von Öl in der Tiefsee, in der Arktis und für Schieferölvorhaben eingeschränkt. Auf der Sanktionsliste stehen unter anderem Bohrplattformen, Ausrüstungen zum Horizontalbohren und Unterwasserapparaturen. Unternehmen wie die Ölförderer Rosneft und Nowatek können sich langfristig kein Geld mehr an US-Finanzmärkten leihen.

Die jetzt in Kraft tretenden Strafmaßnahmen richten sich, neben der Finanz- und Rüstungsindustrie, erneut gegen die Ölkonzerne. Die Sanktionen hindern westliche Unternehmen daran, in der Ölförderung künftig mit Russland zusammenzuarbeiten. Die EU untersagt Dienstleitungen für schwer zugängliche Ölreserven, etwa in der Arktis, darunter Bohrungen, Bohrlochprüfungen und -messungen. Außerdem dürfen Anleihen der Unternehmen Rosneft, Transneft und der Öl-Sparte von Gazprom nicht mehr in der EU gehandelt werden. Auch Washington will an diesem Freitag neue Sanktionen verhängen, die ebenfalls auf den Energiesektor zielen sollen.

Russland zählt zu den Ländern mit den größten Ölreserven weltweit. Von der Energiebranche und damit auch von den unkonventionellen Ölreserven hängt die Zukunft der russischen Wirtschaft ab. Das Land hat es bislang, trotz anders lautender Bekenntnisse, nicht geschafft, sich von seiner Rohstoffabhängigkeit zu lösen und die Wirtschaft breiter aufzustellen. Da sich alte, leicht zugängliche Ölfelder in Sibirien allmählich erschöpfen, muss Russland in den kommenden Jahren neue Vorkommen erschließen.

Auf den Westen angewiesen

In einigen Jahren sollen diese schwer zugänglichen Reserven eine wichtige Rolle spielen. Im vergangenen Jahr förderte Russland mehr als 520 Millionen Tonnen Erdöl. Der Anteil aus nicht traditionell erschließbaren Quellen daran war winzig, doch das soll sich künftig ändern, das Potenzial gilt als gewaltig: Das russische Energieministerium will den Erdöl-Anteil aus schwer zugänglichen Quellen bis zum Jahr 2020 auf elf Prozent steigern. Um diese Pläne zu verwirklichen, ist Russland jedoch auf ausländische Hilfe angewiesen, denn es mangelt an Know-how und an moderner Fördertechnik, die meist westliche Firmen produzieren.

Noch ist unklar, wie sich die Sanktionen auf internationale Kooperationen konkret auswirken werden. Erst Anfang dieser Woche haben Rosneft und der US-Konzern ExxonMobil mit Erkundungsarbeiten in der arktischen Karasee begonnen. Der norwegische Ölkonzern Statoil, ebenfalls ein Rosneft-Partner in der Arktis, rechnet mit einer Verzögerung der Gemeinschaftsprojekte. Das italienische Erdölverarbeitungsunternehmen Saras hatte im August seine Pläne zur Gründung eines Joint Ventures mit dem russischen Ölkonzern für den Verkauf von Erdöl und Erdölprodukten vorerst aufgeschoben.

Die Kosten steigen, Projekte werden verschoben: Vor allem längerfristig dürfte sich das auf die Ölproduktion und die Modernisierung der Anlagen auswirken.

Woher soll das Geld jetzt kommen?

Zum Beispiel im Fall des Staatsunternehmens Rosneft, dem größten börsennotierten Ölförderer der Welt: Das Unternehmen müsste Medienberichten zufolge in den kommenden Jahren mehr als 20 Milliarden Dollar jährlich für neue Ölfelder und die Aufrüstung von Raffinerien ausgeben. Bis 2030 will Rosneft 400 Milliarden Dollar in die Erschließung der Arktis investieren. Die große Frage ist, woher das Geld jetzt kommen soll.

Rosneft-Chef Igor Setschin, Putin-Intimus und persönlich von den Sanktionen betroffen, spielt die Folgen der Strafmaßnahmen zwar herunter. Rosneft fährt jährlich hohe Gewinne ein. Der Konzern ist neben Gazprom die wichtigste Melkkuh für den russischen Haushalt – und dennoch bat Rosneft vor wenigen Wochen die Regierung um staatliche Hilfe von mehr als 40 Milliarden Dollar. Der Konzern ist hochverschuldet, nachdem er vergangenes Jahr den Zukauf der britisch-russischen Ölfirma TNK-BP finanzierte. Premier Dmitri Medwedew stellte gerade staatlichen Beistand in Aussicht.

Jobs bei Rosneft in Gefahr

Zudem will Rosneft Stellen streichen. Einem Bericht des Kommersant zufolge könnten in der Moskauer Firmenzentrale 1.000 Arbeitsplätze wegfallen. Das wäre jede vierte Stelle – für Beobachter ein deutliches Indiz, dass die Sanktionen eine Wirkung erzielen.

Rosneft verkündete, Förderausrüstung aus dem Westen ersetzen zu wollen, etwa aus russischer Produktion. Minister Donskoi kündigte außerdem an, Ausrüstung künftig in anderen Ländern, darunter China, einzukaufen. Bisher kam ein Großteil der Technik aus Europa und den USA. Wie schnell Rosneft anderweitig Ersatz organisieren kann, ist jedoch offen. Erst vor Kurzem hatte Energieminister Alexander Nowak Präsident Wladimir Putin gebeten, der russischen Industrie mehr Finanzmittel zur Entwicklung eigener Fördertechnik bereitzustellen. Das aber kostet viel Geld und Zeit – was die Weiterentwicklung des Erdölsektors zusätzlich bremsen dürfte.