ZEIT ONLINE: Herr Pohl, Sie warnen in ihrer Studie vor weltweit schärferen Konflikten um sauberes Trinkwasser. Aber diese Konflikte gibt es doch schon längst. 

Benjamin Pohl: Es gibt sie, aber wenn die Politik nicht handelt, werden sie noch schlimmer werden. In Nigeria zum Beispiel: Human Rights Watch berichtet, dass in den vergangenen sechs Monaten in Zentralnigeria mehr als 1.000 Menschen umgekommen sind, weil verschiedene Bevölkerungsgruppen sich um Trinkwasser und um Land stritten. Die Hirten brauchen Wasser für ihr Vieh, sie streiten sich untereinander und mit den Bauern, die Wasser für ihre Felder brauchen. Solche innerstaatlichen Wasserkonflikte werden im Ausland oft kaum wahrgenommen.  

ZEIT ONLINE: Seit den neunziger Jahren wird vor großen Wasserkriegen gewarnt. Der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali prophezeite schon 1989, die Kriege der Zukunft würden um Wasser geführt. Bisher scheint seine Vorhersage sich nicht bewahrheitet zu haben. 

Pohl: In den Neunzigern war die Debatte sehr alarmistisch. Man glaubte, dass aus der Wasserknappheit zwangsläufig große Kriege folgen müssten. Aber dann hat die Forschung gezeigt, dass es kaum internationale Kriege gegeben hat. Außerdem haben viele Staaten in ihrer Wasserpolitik auf Kooperation gesetzt, um das Risiko zu entschärfen, und das Pendel schwang in die Gegenrichtung: Man hat sich ein wenig zu entspannt zurückgelehnt. Wir glauben, dass es in Zukunft viele Konflikte geben wird – wenn die Politik nicht handelt. 

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie die größten Risiken? 

Pohl: Überall dort, wo ein großer Fluss durch das Gebiet mehrerer Staaten fließt, die auf sein Wasser angewiesen sind: am Nil, am Mekong, am Brahmaputra. Insbesondere wenn ein Anrainerstaat auf seinem Gebiet einen Staudamm baut, kann es Probleme geben. Wer den Staudamm kontrolliert, kontrolliert das Wasser – und das weckt oft große Befürchtungen bei den anderen Anrainern. Im gesamten Nahen Osten ist die Lage ebenfalls heikel. 

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret? 

Pohl: Die Staaten des Nahen Ostens haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht sehr verantwortungsvoll mit ihrem Wasser gehaushaltet. Vor allem Syrien, Irak und der Iran haben Grundwasserreserven für Landwirtschaft und Industrie abgepumpt. Fast alle Länder der Region haben massiv über ihre Verhältnisse gelebt. Das sind Grundwasserreserven, die Millionen Jahre brauchen, um sich wieder zu regenerieren.

Zugleich ist die Bevölkerung in den arabischen Ländern stark gewachsen und der Lebensstandard ist regional unterschiedlich gestiegen. Beides erhöht den Bedarf an Waren, für deren Produktion immer mehr Wasser verbraucht wird. Der Klimawandel verschärft das Problem obendrein. In Syrien und Irak kann man die Konsequenzen schon beobachten: Die Böden versalzen massiv, die Ernten werden schlechter. Der soziale Druck wächst – das führt zu Konflikten.

ZEIT ONLINE: Der Grund für die aktuellen Kriege im Nahen Osten ist Wasserknappheit? 

Pohl: Die direkten Hauptursachen sind natürlich politische. Aber der Wassermangel hat die Konflikte in Nahost verschärft, weil er den Druck auf die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der Gesellschaften im Nahen Osten immens erhöht. Die Verantwortung dafür, diesen Druck gar nicht erst entstehen zu lassen, liegt eindeutig bei den politischen Entscheidungsträgern. 

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben eine recht ausweglos scheinende Situation. Was können die Staaten tun, wenn ihre Grundwasserreserven erschöpft sind und es immer weniger regnet? 

Staaten müssen kooperieren, statt sich gegenseitig das Wasser abzugraben.
Benjamin Pohl

Pohl: Das Wichtigste sind die Einsicht in das Problem und der Versuch, sich anzupassen. Etwa indem man die Landwirtschaft technisch so modernisiert, dass sie mit weniger Wasser auskommt. Vor allem aber müssen die Staaten kooperieren, statt sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Aber das scheint leichter gesagt als getan. 

ZEIT ONLINE: Die Kooperation klappt nicht? 

Pohl: Es gibt immer Episoden einer guten Zusammenarbeit. Die Nil-Anrainer zum Beispiel haben lange gut kooperiert. Doch die Spannungen nehmen zu, seitdem Äthiopien im Jahr 2011 den Bau eines großen Staudamms begonnen hat. Ägypten und Sudan fürchten, der Nil könnte nun zu viel Wasser verlieren, bevor es bei ihnen ankommt. Noch dazu streiten sich die beiden Länder untereinander darüber, welche Wassernutzungsrechte ihnen historisch zustehen. 

Auch die Kooperation zwischen Indien und Bangladesch ginge noch besser: Zwar haben die Staaten haben zum Beispiel festgelegt, wer wie viel Wasser aus den Flüssen entnehmen darf. Die Quoten sind aber sehr starr. Viel besser wäre, wenn man sie flexibler handhaben würde und auch gemeinsam festlegt, wo Staudämme oder andere Wasserspeicher zu bauen sind: dort, wo am wenigsten Wasser verdunstet – und nicht an dem Ort, der den Interessen des politisch mächtigsten Partner am besten dient.