Bolivien hat es besonders gut gemacht. Noch Anfang der neunziger Jahre war Hunger in dem lateinamerikanischen Land nichts Ungewöhnliches. Fast zwei Fünftel der Bevölkerung hatten nicht ausreichend zu Essen. Heute, rund acht Jahre nach Amtsantritt des sozialistischen Präsidenten Evo Morales, liegt die Quote der unterernährten Personen bei knapp einem Fünftel. Das große Ziel der Vereinten Nationen, die Quote der Hungernden bis 2015 zu halbieren, ist in Bolivien fast erreicht.   

Der Erfolg ist das Ergebnis nationaler Politik. Aber er steht dennoch stellvertretend für einen globalen Trend. Seit die Nahrungskrise der Jahre 2008 und 2009 vorbei ist, sinkt die Zahl der chronisch hungernden Menschen stetig. Wie die Welternährungsorganisation FAO am Dienstag in Rom mitteilte, liegt sie derzeit bei rund 805 Millionen – das sind immer noch sehr viele, aber rund 40 Millionen weniger als im Jahr zuvor. Anfang der neunziger Jahre hatten weltweit sogar mehr als eine Milliarde Menschen nicht ausreichend zu essen. Am stärksten ist der Rückgang in Lateinamerika inklusive der Karibik. Hier ist der Anteil der Hungernden seit Beginn der neunziger Jahre von 15,3 Prozent auf 6,1 Prozent gesunken.

Aber nicht allen lateinamerikanischen Ländern geht es so gut wie Bolivien. Haiti beispielsweise leidet immer noch unter den Folgen des desaströsen Erdbebens von 2010 und die Hälfte der Haitianer ist chronisch unterernährt. Dafür aber haben andere besonders große Fortschritte gemacht. Brasilien beispielsweise, das schon lange für seine erfolgreiche Sozialpolitik gelobt wird, Chile, Nicaragua, Peru und Venezuela. Und eben Bolivien.  

Verfassung garantiert Recht auf Nahrung

Der neue Welternährungsbericht der FAO widmet dem Andenstaat mehrere Seiten. Das Recht auf Nahrung hat in Bolivien seit 2009 Verfassungsrang, und wie die FAO schreibt, erreiche die praktische Umsetzung der Ernährungspolitik sehr viele Menschen.

Seit der Aymara Evo Morales Präsident wurde, hat Boliviens Regierung viel unternommen, um die Rechte der indigenen Bevölkerung und der Kleinbauern zu stärken. Die Ergebnisse sind spürbar in einem Land, dessen Einwohner zu fast zwei Dritteln einer indigenen Gruppe angehören und das sehr stark von der Landwirtschaft geprägt ist.  

Die Bauern werden gefördert, um die Erträge ihrer Arbeit zu erhöhen, und wer sich nicht selbst helfen kann, erhält direkt Geld vom Staat. Für Familien mit kleinen Kindern, Schwangere und Stillende gibt es besondere Programme. Diese Kombination aus Hilfe zur Selbsthilfe und direkter Unterstützung für die Bedürftigsten scheint besonders wirkungsvoll. "Einige Länder haben erkannt, dass sie ihre Landwirtschaft fördern müssen", sagt Ralf Südhoff, Büroleiter des World Food Programms WFP in Berlin. "Genau sie haben in der Hungerbekämpfung Erfolg."

Die Welternährungsorganisation gibt sich optimistisch. Zwar ist nicht jeder Erdteil im Kampf gegen den Hunger so erfolgreich wie Lateinamerika – in Asien sind immer noch mehr als 500 Millionen Menschen unterernährt, in Afrika und Ozeanien steigt ihre Zahl sogar an. Doch global gesehen sei das Ziel erreichbar, den Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015 auf die Hälfte der 1990er Quote zu senken, schreiben die FAO-Fachleute – den nötigen politischen Willen vorausgesetzt.

Mega-Krisen in Syrien, Irak, Südsudan, Westafrika

Angesichts der großen internationalen Krisen scheint politische Entschlossenheit allerdings nötiger denn je. "Es besteht die Gefahr, dass die Erfolge der letzten Jahre wieder verloren gehen, weil die Politik nicht angemessen auf die aktuellen großen Krisen reagiert", warnt WFP-Sprecher Südhoff.

Wie die FAO ist auch das WFP eine Organisation der Vereinten Nationen. Doch während die Welternährungsorganisation sich mit der langfristigen Entwicklung der Landwirtschaft auseinandersetzt, leistet das WFP akute Nothilfe – und die wird derzeit in besonders vielen Regionen dringend gebraucht.

Südhoff spricht von einer "einmaligen Herausforderung: Wir haben im Moment ein noch nie dagewesenes Szenario, mit fünf humanitären Katastrophen der maximalen Kategorie: in Syrien, im Irak, im Südsudan – wo eine Hungersnot droht –, in Zentralafrika, und dazu kommt noch die Ebola-Seuche in Westafrika." Von anderen Krisenherden, etwa im Gazastreifen oder in der Ostukraine, gar nicht zu reden.

Dennoch habe der deutsche Bundestag kürzlich zugestimmt, die Mittel für humanitäre Hilfe drastisch zu kürzen, und auch andere Staaten haben ihr Budget gesenkt. Die Konsequenz laut Südhoff: Fast 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge, die das WFP versorgt, erhalten künftig zu wenig zu essen. "Eigentlich benötigen sie mindestens 2100 Kalorien am Tag, sagt die Weltgesundheitsorganisation. Stattdessen können wir ihnen nur noch 1400 Kalorien geben, höchstens."