Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma © Jan Woitas/dpa

An einem Dienstag Ende Oktober sitzt Harald Olschok in einem Berliner Café und hofft, dass sich endlich etwas ändert. Olschok, ein nachdenklicher Mann Ende 50, ist in den vergangenen Wochen durch die Republik gereist, er hat mit Politikern und Journalisten geredet und wenn er gefragt wurde, hat er geantwortet, dass es falsch wäre, die jüngsten Angriffe von privaten Wachleuten auf Flüchtlinge als Einzelfälle abzutun. Olschok hat dann von den Fehlentwicklungen in der Branche erzählt: von Lohndumping, Billigmeierei, von einem kranken System, das die Politik über Jahre hinweg gefördert hat. "Jeder, der sehen konnte, kannte die Probleme."

Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW), ist vielleicht der einzige Wirtschaftsverbandschef des Landes, der seit Jahren nach mehr Staat ruft. Nach Mindestlöhnen, die dafür sorgen, dass Stundensätze von sechs oder sieben Euro Geschichte sind. Nach Ausbildungsstandards, damit die Sicherheitsleute in den Kaufhäusern, in Krankenhäusern oder Flüchtlingsheimen ihrer Aufgabe auch gewachsen sind. Olschok spricht zwar nur für 900 der 4000 Unternehmen der Branche, aber für fast zwei Drittel der 185.000 Beschäftigten im privaten Sicherheitsgewerbe. "Wir haben die Politik jahrelang aufgefordert, etwas zu verbessern", sagt Olschok. "Man hat uns zwar freundlich zugehört, aber nichts geändert."


Deshalb, sagt Olschok, seien die jüngsten Übergriffe auf Flüchtlinge in Unterkünften in Burbach, Essen oder im westfälischen Bad Berleburg nicht nur ein "Imageschaden" für die Branche. Sie seien auch eine Chance, "dass sich endlich etwas an den Rechtsgrundlagen ändert". 

Doch ändert sich wirklich etwas?  

Es gibt Indizien, die dagegen sprechen. Zwar hat die für die Flüchtlingsheime zuständige Bezirksregierung in Arnsberg nach den Übergriffen reagiert und einen Acht-Punkte-Plan veröffentlicht, der strengere Regeln für die Wachdienste vorsieht. Auch soll der Verfassungsschutz jetzt jeden Mitarbeiter in den Flüchtlingsheimen auf seine Vorgeschichte überprüfen, eine Taskforce soll die Zustände in den Heimen überwachen.

Doch Recherchen von ZEIT ONLINE zeigen, dass ausgerechnet in den Flüchtlingsunterbringungen in Essen und Burbach seit einem Monat eine Unternehmensgruppe für Sicherheit sorgt, die in Gewerkschaftskreisen einschlägig bekannt ist: die Stölting Service Group mit Sitz in Gelsenkirchen.

Die Betreiber von vier Flüchtlingsheimen – das Unternehmen European Home Care und das Deutsche Rote Kreuz – haben Stölting angeheuert, um die bisherige Wachfirma SKI nach den Skandalen zu ersetzen. Das Unternehmen ist nun in den Unterkünften in Essen, Burbach, Schöppingen und Neuss aktiv und verspricht auf seiner Homepage, nur "eigene" und "unbescholtene" Mitarbeiter zu schicken, um die "verantwortungsvolle" Aufgabe zu bewältigen.

"Viele haben Angst"

Gespräche mit Mitarbeitern und Gewerkschaftlern sowie interne E-Mails zeigen jedoch, dass auch bei Stölting Zustände zu herrschen scheinen, die die Funktionäre wie Olschok gerne bekämpfen würden: ein hoher Kostendruck und der Hang dazu, Tarifverträge zu unterlaufen. Die Sicherheitsfirma SKI, die die Wachleute in Burbach gestellt hatte, hatte bei einem Subunternehmen billigere Mitarbeiter angeheuert, die anschließend einen Flüchtling demütigten.

Die Gewerkschaft ver.di listet allein für die vergangenen zwei Jahre mindestens neun Fälle auf, in denen Stölting Mitarbeitern zu wenig Gehalt oder Zuschläge gezahlt hat. Mal überwies Stölting zu wenig Urlaubsgeld, mal generell zu wenig Salär, einmal ging es um bis zu 800 Euro Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. "Mittlerweile sitzen drei Mal die Woche Mitarbeiter von Stölting bei mir, weil ihnen Geld fehlt", sagt Katja Arndt, die in Bochum für ver.di arbeitet. "Viele kommen erst gar nicht, weil sie Angst haben, sich zu wehren." Stölting selbst teilt auf Anfrage mit, es handele sich um Einzelfälle, die auf "Übermittlungsfehler" oder "Fehlinterpretationen" der Stundenzettel zurückzuführen seien. Man habe zuletzt nur einen Bruchteil der Gehälter korrigieren müssen.

Das Unternehmen übt offenbar auch Druck auf seine Mitarbeiter aus. Ein früherer Mitarbeiter berichtet von Wutausbrüchen von Vorgesetzten am Telefon und von dem wiederholten Versuch, das Gehalt dadurch zu drücken, dass Stunden zu wenig bezahlt werden. Auch sei er angerufen worden, als er krank war. Der zuständige Bereichsleiter habe ihn am Telefon dazu überreden wollen, zur Arbeit zu kommen. "Ich habe schon in vielen Firmen gearbeitet, aber so extrem habe ich das noch nicht erlebt", sagt der Wachmann. "Alle haben irgendwie Angst."

Einen Betriebsrat, der dem Mann hätte helfen können, gibt es bei Stölting nicht. Als ein Mitarbeiter im vergangenen Jahr damit drohte, eine Mitarbeitervertretung zu gründen, wurde ihm in der Probezeit gekündigt, berichtet ver.di.