Beschädigte Öl-Raffinerie im Dorf al-Khaboura in Syrien © Stringer/Reuters

Frage: Herr Keatinge, lohnt es sich für eine Organisation wie die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) finanziell, Städte wie Kobane einzunehmen?

Tom Keatinge: Die Position der Stadt an der Grenze zur Türkei ist strategisch wichtig: Schmuggel ist eine wichtige Geldquelle für den IS.

Frage: Wie viel Geld hat der IS?

Keatinge: Von ein oder zwei Milliarden Dollar ist die Rede. Ich vermute, sie machen zwei oder drei Millionen Dollar am Tag mit dem Verkauf von Öl, dann hätten sie bis zu 500 oder 600 Millionen im Jahr. Dazu kommen eben noch die Steuern der Menschen vor Ort und das Geld und die Waffen und Fahrzeuge, die sie erbeuten.

Frage: Aber die Raffinerien in Syrien wurden vor kurzem von den USA bombardiert.

Keatinge: Die Bombardierung wird den IS bei der Finanzierung einschränken. Wenn ich der Finanzchef der IS wäre, würde ich mir überlegen, welche anderen Finanzierungsoptionen ich habe. Höhere Steuern für Privatpersonen wären möglich, auch wenn das ab einem gewissen Punkt kontraproduktiv wird. Andererseits wäre es möglich, die Sozialhilfe oder die Gehälter zu reduzieren, als ein "Islamischer- Staat"-Sparprogramm. Wobei das auch nach hinten losgehen kann. Die bedenkliche Alternative wäre, wenn der IS entscheidet, Lösegeld zu erpressen. Das ist für Al Qaida im Maghreb sehr profitabel.

Frage: Könnte der IS sich vielleicht auch über Staatsanleihen und Kredite finanzieren?

Keatinge: Im Moment sieht es so aus, als ob der IS weiterhin das, was er "Steuern" und wir "Erpressung" nennen, als hauptsächliche Finanzquelle seiner Bürger nutzt. Als vor kurzem die Banken in Mossul wieder eröffneten, konnten Kunden Berichten zufolge einen begrenzten Betrag abheben. Sie mussten für das Abheben aber eine Extrasteuer an den IS entrichten.

Frage: Vorausgesetzt, der IS überlebt: Sind der Existenz eines Staates Grenzen gesetzt, wenn er nicht an internationalen Transfersystemen wie Sepa teilnehmen kann?

Keatinge: Zivilisationen haben mit finanziellem Werkzeug wie Münzen, wertvollen Steinen oder Viehbestand Tausende von Jahren überlebt. Das ging auch ohne Sepa, Swift, Target und so weiter. Für einen Staat im Sinne des Wortes, also als anerkanntes Gebiet, ist es natürlich sinnvoll, sich in die globale Wirtschaft zu integrieren. Aber der IS will mit der globalen Wirtschaft nichts zu tun haben, deswegen ist das meiner Meinung nach keine relevante Überlegung. Diese Überlegung zeigt eher, wie gefährlich es ist, die Situation durch unsere westlichen Augen zu sehen.

Frage: Woher bekommt der IS sein Geld?

Keatinge: Die Geschichte des "Islamischen Staats" reicht bis zu 15 Jahre zurück, bis in die späten 1990er. In dieser Zeit hat der IS gelernt zu überleben. Eine der Lektionen war, immer verlässliche und regelmäßige Geldquellen zu kontrollieren. Auch auf seinem Weg durch Syrien hat der IS sich klar auf Geschäftszentren und Ölfelder konzentriert. Dieses Öl wurde dann in die Türkei geschmuggelt und dank einer eigenartigen Zweckehe an das Assad-Regime verkauft. Weil Assad die wichtigsten Raffinerien kontrolliert, waren IS und das Regime aufeinander angewiesen.