Ein Kurde beobachtet aus der Ferne dem Kampf um die irakische Stadt Kobani. © Kai Pfaffenbach/Reuters

Woher stammen die Kugeln, die Milizen des "Islamischen Staates" (IS) auf Kurden und Iraker, auf Frauen und Kinder abfeuern? Seit vergangener Woche lässt sich sagen: Sie stammen auch aus Deutschland.

Das Londoner Netzwerk Conflict Armament Research untersucht die Herkunft von Munition in Krisengebieten. Im Sommer reisten Mitarbeiter der Organisation dafür auch durch den Irak und Syrien, um Patronenhülsen zu sammeln, die dort zuvor von IS-Kämpfern abgefeuert wurden. Nun präsentierten die Forscher ihre Ergebnisse: Von Mai bis August spürten sie knapp 1.800 Geschosse auf – die aus insgesamt 21 Ländern stammten. Den größten Anteil machten China, USA und die ehemalige Sowjetunion aus; immerhin vier Kugeln wurden aber auch in Deutschland hergestellt.

Die Funde zeigen: Der Westen hat jegliche Kontrolle über die Waffen- und Geldströme in den Kriegsgebieten verloren. Zwar hat die Bundesrepublik den IS natürlich nie direkt mit Ausrüstung beliefert – wie die Munition aber dennoch in die Hände der Terroristen fiel, kann niemand genau sagen. Dementsprechend ernüchtert fällt auch das Fazit der Londoner Experten aus: Die Unterschiedlichkeit der gesammelten Patronen sei ein starkes Indiz dafür, dass der IS über "ein breites Spektrum an Munitionsquellen" verfüge.

Die türkische Regierung schaute weg

Das sieht auch Günter Meyer so, der an der Uni Mainz das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt leitet: "Die Waffen des IS stammen zum Großteil aus geplünderten Armee-Arsenalen, die Munition wird über das Ausland zugekauft." In der Grenzregion zwischen Türkei, Syrien und dem Irak habe es schon immer viel Waffenhandel gegeben. Erst kürzlich, so behaupten es zumindest kurdische Berichte, seien über die Grenze zur Türkei Eisenbahnwaggons mit Munition für die IS-Kämpfer geliefert worden. "Die türkische Regierung hat da beide Augen zugedrückt", sagt Meyer.

Das Geld für solche Käufe besitzt der IS allemal: Auf rund eineinhalb Milliarden Euro wird sein derzeitiges Vermögen geschätzt – eine gigantische Summe, die der Gruppe sogar den inoffiziellen Titel als reichste Terrororganisation der Welt eingebracht hat. Hinzu kommen einige finanzielle Quellen, die der IS in den vergangenen Monaten nach und nach aufgebaut hat und die ebenfalls große Summen einbringen:

  • Bis zu zweieinhalb Millionen Euro täglich soll den Terroristen alleine der Verkauf von Erdöl bringen. "Die eroberten Ölfelder sind die mit Abstand wichtigste Geldquelle für den IS", sagt Meyer von der Uni Mainz. Mit alten Tanklastern oder Eselskarren wird das geförderte Öl in die Türkei oder den Libanon geschmuggelt, dort verkaufen es Mittelsmänner zu Dumping-Preisen weiter. Auch wenn es angesichts des globalisierten Ölmarktes paradox klingt: Der Westen könne angesichts solcher Geschäften nicht viel tun, sagt Meyer. "Der Schwarzmarkt ist in dieser Region einfach viel zu gut organisiert." Einen Teil des Öls verarbeiten die Terroristen in Raffinerien außerdem zu Benzin, mit dem sie ihre eigenen Fahrzeuge betanken.

  • Der IS profitiert auch von den Plünderungen der Städte. Als die Milizen im Juni die irakische Stadt Mossul eroberten, flossen allein aus der dortigen Zentralbank mehrere Hundert Millionen Dollar Bargeld in die Kriegskasse. Auch antike Kunstwerke machen die Islamisten zu Geld: Laut einem Geheimdienstmitarbeiter, den der britische Guardian zitiert, wurden in der syrischen Region um al-Nabk Antiquitäten im Wert von knapp 30 Millionen Euro geraubt.

  • Als eine weitere Quelle gelten unter Fachleuten Spenden aus den Golfstaaten – sowohl von reichen Privatpersonen als auch von Regierungsseite. "Wir müssen davon ausgehen, dass es auch staatliche Unterstützung für den IS gab oder noch gibt", sagt Sita Mazumder, die an der Hochschule Luzern über Terrorfinanzierung forscht. Gestützt wird ihre These von einer Beobachtung des Netzwerks Conflict Armament Research: Bei einigen von den IS-Kämpfern verwendeten Gewehren waren die Seriennummern mit Bunsenbrennern unlesbar gemacht. Wahrscheinlich, so die Experten, sollte dadurch verschleiert werden, wie Waffen aus Staatsbesitz bei den Terroristen landen konnten.

  • Menschenhandel ist für die Islamisten ebenfalls eine Gelegenheit, Geld zu verdienen: Frauen werden als Sexsklavinnen verkauft, ausländische Männer als Geiseln genommen, um mit ihnen Lösegeld zu erpressen.

Mit den Einnahmen finanziert der IS nicht nur den Krieg gegen die sogenannten Ungläubigen – er übernimmt in den eroberten Gebieten auch quasi-staatliche Aufgaben: Die Terrorgruppe kümmert sich um den Strom in den Hütten, verkauft günstiges Benzin und eröffnet Banken. In einigen Regionen haben die Milizen sogar Getreidespeicher und Bäckereien eingenommen, um die Menschen mit Brot versorgen zu können. "Der Staat funktioniert wieder", kommentiert Meyer die derzeitige Lage. Die Islamisten hoffen auf möglichst großen Rückhalt in der Bevölkerung – und verlangen im Gegenzug Steuern und Schutzgeld für ihre Hilfe.

Der Westen hingegen weiß nicht, wie er der neuen Art des Terrors begegnen soll. Jahrzehntelang kannten besonders die USA vor allem eine Antwort auf Krisen in der Region: mehr Waffen. Das bedrohliche Resultat dieser Politik jedoch wird derzeit tausendfach in den sozialen Netzwerken sichtbar. Junge, vermummte IS-Kämpfer posieren dort vor der Kamera, stolz halten sie ihre Waffe im Anschlag. Es sind dieselben amerikanischen Gewehre, die eigentlich den Frieden schaffen sollten.

Update: Laut aktuellem Monatsbericht der Internationaler Energieagentur (IEA) haben die amerikanischen Luftangriffe mittlerweile Wirkung auf die Finanzen des IS: Demnach sank die Förderung von Rohöl durch den IS von 70.000 Fässern auf nur noch 20.000 pro Tag. Auch die Zahl der geschmuggelten Öl-Fässer sank. Wie viel Geld der IS derzeit noch mit dem Verkauf von Öl einnimmt, steht allerdings nicht in dem Bericht, der sich auf westliche und irakische Regierungsstellen beruft. Diese Zahlen waren bei der Recherche dieses Artikels gegen Ende dieser Woche noch nicht bekannt.